Ihre eigenen, glücklicherweise nicht ganz so anstößigen Wege nahmen auch die Marsh’schen Töchter. Beide waren unverheirathet, nicht mehr ganz jung, aber um so thatkräftiger, und während die Aeltere eine ganz hervorragende Krankenpflegerin geworden ist, erhielt die zweite kürzlich eine Anstellung von der Regierung! Sie hatte sich schon lange mit der Frage wegen besserer Unterkunft für die Waisenkinder der Gemeinden beschäftigt, Vieles darüber geschrieben und auf die Vertheilung der Kinder in Bauernfamilien bestanden. Diese Ansichten sind schließlich durchgedrungen, und mit sechstausend Mark jährlich ist sie als Inspectorin der weit verstreuten Waisenkinder ernannt worden. Ganz begreiflicherweise glaubte man, daß gerade ein weibliches Auge sich leicht und zuverlässig über das leibliche und geistige Wohlergehen der Pflegekinder vergewissern würde, und der Erfolg hat es bewiesen. Als mir dies in Gegenwart der Lady Marsh erzählt wurde, frug ich, ob es ihr nicht schwer falle, die einzigen Töchter zu vermissen. „Ihre eigene Mutter,“ antwortete sie, „würde gewiß auch Sie am liebsten zu Hause behalten haben und fügte sich doch gern, als Sie Ihren Beruf ergriffen. Wenn mein Mann und ich sterben, ist es kein kleines Glück, alle Kinder in einer schönen, sie befriedigenden Thätigkeit zu wissen.“
So einmüthig verlaufen die Gespräche aber nicht immer, und heute Abend prallten die Geister energisch an einander; der eben veröffentlichte Urtheilsspruch des Erzbischofs von Canterbury wurde leidenschaftlich erörtert, und selbst Lord Marsh raffte sich aus seinem üblichen comatösen Zustande zu scharfen, geistvollen Entgegnungen empor. Es handelte sich um einen Toilettengegenstand des Geistlichen wie um dessen Stellung am Altar während gewisser liturgischer Abschnitte, und da diese Streitfrage mir in meiner Unwissenheit ebenso gleichgültig wie unwichtig vorkam, machte ich wohl einen ziemlich verrathenen und verkauften Eindruck, so daß die Agneta sich meiner erbarmte und Willoughby Greene und mich zu einer Billardpartie wegführte. In den Pausen des Spiels geriethen die Beiden sich zwar ebenfalls in die Haare, doch handelte es sich wenigstens um vernünftige, politische Meinungsverschiedenheiten und nicht um jene verknöcherten Subtilitäten von vorhin. Es fiel mir übrigens wieder auf, wie ruhig und rücksichtsvoll bei aller Schneidigkeit ein Wortkampf hier geführt wird; selbst unter Herren im Rauchzimmer hört man nie die bei uns doch ziemlich häufigen „bombenfesten“ Behauptungen. Nur so wird ja auch dieser gesellige Verkehr zwischen gänzlich verschiedenartig denkenden Menschen ermöglicht.
Am Vormittag waren W. Greene und ich per Eisenbahn nach dem einfach großartigen Gestüt des Herzogs von Eastminster gefahren. Doch mehr davon mündlich, wie auch über die vielen hübschen Ausflüge, welche die Farringham’s mit mir und meiner treuen Camera in der Nachbarschaft unternehmen. Hoffentlich mißglücken nicht allzu viel Aufnahmen!
Es umarmt Euch
Euer
Udo.
IX.
Harting Hall.
Vielen Dank, liebe Eltern, für die willkommenen Briefe und Nachrichten. Thilda’s Tennissieg erfüllt mich mit Stolz und Bewunderung!
Soeben habe ich meinen ersten, unverfälschten englischen Sonntag absolvirt und den Eindruck einer anheimelnden, poetisch verklärten Langeweile davongetragen. Um halb elf begannen die Glocken zu läuten; jede Kirche hat ihr eigenes, eng mit dem Heimathsgefühl verwachsenes Glockenspiel, und in der tiefen sonntäglichen Stille hörte man das schwache Läuten weit entfernter Kirchen. Unterdessen versammelten wir uns, äußerst schön gekleidet, in der Halle und schlenderten zu Fuß (nur im Nothfall beraubt man Kutscher und Pferde ihres Ruhetages) durch Garten und Park nach der gleich anstoßenden Kirche. An die Eingangspforte und an die schlichten Grabsteine lehnten sich leise schwatzende Männer und Knaben mit rothen Händen und steifen, schwarzen Röcken. So standen allsonntäglich an dieser Stelle ihre Vorahnen herum, und so werden ihre Enkel es ebenfalls thun.
Unsere Gesellschaft vertheilte sich auf die alten, geschnitzten Bänke, rings herum hingen Grabinschriften vergangener Farringham’s; durch ein hohes Bogenfenster fiel grünliches Licht auf die liegende Statue eines Ritters. Im Chor saß die Dorfjugend und sang die Responsorien, Psalme und Choräle mit kräftigen Lungen und anzuerkennendem guten Willen. Der Altar war reich mit bestickten Sammetdecken belegt, und weiße Rosen füllten die streng geformten, messingnen Gefäße. Nach der kurzen, hausbackenen Predigt verließ ein Theil der Gemeinde die Kirche, während alles Uebrige, auch unsere ganze Gesellschaft, am Abendmahlsgottesdienst Theil nahm. Ich verließ meinen Sitz, blieb aber unten in der Kirche stehen. Obgleich die Feier monatlich stattfindet und keine besonderen Kleiderbestimmungen oder äußere Vorbereitungen wahrnehmbar sind, erschien mir die Ceremonie mit der schönen, uralten Liturgie durchaus würdevoll und feierlich, und die Gemeinde machte einen gerührten und gesammelten Eindruck. Nachher gingen wir Alle bis zum Luncheon in den Gärten und Gewächshäusern herum, und Nachmittags unternahmen Agneta und ich einen längeren Spaziergang nach einer hübsch gelegenen Pfarre, wo wir mit den Töchtern des Hauses in der rosenumrankten Veranda den Thee tranken. Unser Weg führte durch üppige Fluren und Felder: unter Bäumen versteckt lag eine graue, verschimmelte Mühle am Wasser, hinter der Hecke saßen heitere Kinder und sangen Choräle unter Anführung der eben erwachsenen älteren Schwester. Ueber den Wiesen, unter den Weiden zogen ferne Gestalten nach der Kirche. Als wir heimkehrten, saß die anmuthige, kleine Mrs. Willoughby Greene unter den Cedern auf dem Rasen, um sie herum ihre vier Kinder, und Alle in eine Bilderbibel vertieft, aus welcher sie Geschichten erzählte.