Das Mittagessen wurde des Ruhetages wegen etwas vereinfacht, und vor dem Schlafengehen gab es eine Abendandacht, in der Lord Marsh ein längeres Gebet improvisirte. Vorher hatte Mrs. Polmache sich meiner sie geradezu erschreckenden Unwissenheit betreffs der Strömungen im englischen religiösen Leben erbarmt, und in meinem Kopf schwirrt es bedenklich von high, broad und low-church, von Secten und atheistischem Unfug.

Außerdem ist es spät — also lebt sämmtlich recht wohl. Stets

Euer liebender
Udo.

X.

An Bord der „Waterbird“ auf der Ouse.

Liebste Armgard!

Vielen Dank für Deinen Brief, aber weshalb in aller Welt nur diese Anspielungen auf Miß Farringham! Verzeih’ mir das harte Wort — ich will Dich ja keineswegs kränken — aber dergleichen ist ebenso altmodisch wie spießbürgerlich. Ich verkehre in der allerangenehmsten, allerfreundschaftlichsten Weise mit besagter jungen Dame, aber weder sie noch ihre Eltern, noch ich, noch irgend Jemand denken nur an eine Verlobung. — Vielleicht ist es Dir eine Beruhigung, ihr Alter zu erfahren, sie ist neunundzwanzig Jahre, also genau ebenso alt wie ich. Man erhält sich übrigens hier zu Land auffallend gut, in der Londoner Gesellschaft sollen die tonangebenden jungen Mädchen meistens vierundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein und gelten vorher nicht für genügend elegant oder unterhaltend. Aber wäre sie neunzehn oder neununddreißig — in meinen Gefühlen würde es nicht den geringsten Unterschied verursachen, und so bitte ich Dich, ein klein wenig mit der Zeit zu gehen und nicht in so philiströser Weise den Teufel an die Wand zu malen.

Wenn du nun ahntest, wie verwöhnt die Agneta ist, wie angenehm und mannigfaltig sich ihr Leben gestaltet und wie wenig verführerisch ihr selbst die mögliche Aussicht, nach Onkel Knastenow’s Tod auf dem stillen Naudorf zu hausen, erscheinen würde! Es sind eben ganz colossal verschiedene Verhältnisse; was hier zur anständigen Existenz von ladies und gentlemen naturgemäß gehört, erscheint uns ein exceptioneller Luxus, den nur Börsencrösusse oder besonders begnadete Standesherren beanspruchen dürften. Wo man sich bei uns zu einem Bechstein’schen Flügel, zu Topfpflanzen und einem in Livrée gesteckten früheren Burschen aufrafft, verlangt man hier Haushofmeister, Gewächshäuser und tadellose Wagen und Pferde.

Wegen der künftigen Schwägerin brauchst Du also wirklich nicht Englisch zu treiben; übrigens spricht sie Deutsch auffallend fließend, wenngleich mit einem ganz hübschen Accent.