Nun wirst Du aber wissen wollen, wie ich auf die Waterbird und Ouse gekommen bin. Ganz unerwarteter Weise wurde ich von einem Londoner Bekannten, Mr. Auberon St. Maur, eingeladen, mit ihm auf seinem Schiffchen die Norfolkgewässer zu besuchen; es sei eine ganz eigenartige Landschaft und eine unbeschreiblich nervenberuhigende Existenz. Mr. St. Maur ist ein eleganter, wohlerhaltener Vierziger, unverheirathet, kunstliebend, ideal gesonnen und beschäftigungslos. Die Damen vergöttern ihn, von einigen Herren wird er, unter uns gesagt, nicht ganz gewürdigt. Ich mag ihn recht gern, er ist zuvorkommend und ein unterhaltender Gesellschafter. Gestern kam sein siebzehnjähriger Neffe den Tag über an Bord; er ist in Eton auf der Schule, hat jetzt Ferien, gleicht einem blonden St. Georg auf altdeutschen Bildern und ist ebenso kindlich als wohlerzogen und aufgeweckt. Da auch sein Onkel Etonianer gewesen ist, drehte sich das Gespräch um die Alma Mater, an der Alt und Jung anscheinend mit derselben schwärmerischen Begeisterung hängen. Wenn ich denke, wie verhaßt mir und meinen Freunden unser nüchterner Berliner „Stall“ war, beneidete ich diese um ein Glück, das Einem auf immer entgangen. Allerdings überzeugte ich mich leicht, wie altmodisch, verzopft und nach unseren Begriffen gänzlich ungenügend es hier mit dem Unterricht bestellt ist. Aber — du lieber Himmel — es ist doch keine Kleinigkeit, wenn Knaben unter alten, vornehmen, historischen Umgebungen aufwachsen und in physisch, und vor Allem auch in moralisch reiner, gesunder Luft sich entwickeln. Wenn auch Cricket, Fußball und Rudern eine unverhältnißmäßige Zeit, eine unverhältnißmäßige Wichtigkeit erlangen, so wird dadurch nicht nur die Gesundheit gestählt, sondern auch Ausdauer und Energie, kameradschaftliches Zusammenhalten und Unterordnung der eigenen Persönlichkeit, wie zur gleichen Zeit auch die Hervorrufung der individuellen Verantwortung erzielt. Die Disciplin ist streng, Formen und Aeußerlichkeiten werden peinlich bewahrt, aber die Lehrerwelt und Obrigkeit sind weniger maßgebend als die von den Knaben ausgehende, auf Tradition beruhende öffentliche Meinung, als die von den Knaben gewählten Captains, zu denen jeder Schüler einstmals zu gehören verhofft. Für unsere Examen wären diese reinlichen, gentlenmanlike kräftigen Knaben recht mäßig gerüstet, vorzüglich aber für das praktische Leben, für den Kampf ums Dasein.

Leider könnten wir Deutsche uns schwerlich den Luxus solcher Anstalten gestatten; etwa achttausend Mark jährlich kostet ein Etonschüler seinen Eltern!

Doch nun ist der frische, kleine Harold fort, und Mr. St. Maur und ich führen ein gemächliches, beschauliches Leben zu Zweien. Mit Vorliebe liegt er auf orientalischen Kissen oben auf dem Verdeck, liest Flaubert und George Meredith oder betrachtet schläfrig die Natur; ich halte mich viel zu den beiden famosen Schiffsleuten, lerne ihre Segelhandgriffe und lasse mich im kunstgerechtesten Angeln unterweisen.

Die „Waterbird“ ist eine richtige Wherry, wie die hier üblichen, zum Transport dienenden Flußschiffe heißen; etwas kleiner als unsere Havelkähne, sind sie ebenso originell und bunt bemalt, haben flaches Verdeck und riesige, schwarze Segel. St. Maur kaufte eine dieser echten Wherries und richtete sie mit phantastischem Luxus ein. Sein weiß verschleiertes, mit Genien und Libellen bemaltes Schlafzimmer hat er mir überlassen. Für ihn wird in der mit alten Goldtapeten und persischen Teppichen behangenen Cajüte ein Lager aufgeschlagen, und im kleinen Zwischenraum befindet sich in einer Tags über bedeckten Versenkung eine rosa und silber emaillirte Badewanne für die Tage, in denen die geographische Lage kein Flußbad im Freien gestattet. Der jüngere Matrose ist ein gediegener Koch, wir leben sehr gut und trinken Burgunder und griechische Weine, vermuthlich weil St. Maur sie für stilgerecht und stimmungsvoll hält.

Einen eigenen Zauber hat diese flache Landschaft, welche Leuten, deren Bewunderung für eine Gegend mit dem Metermaß der Höhe zunimmt, zweifellos langweilig und öde erscheint. Aber ich norddeutsches Ebenenkind liebe diese weiten, dunstigen Horizonte, die ruhigen Flächen der satten Fluren, den geheimnißvollen Zug des fließenden Stroms. Hier und da erweitert sich die Ouse zu großen, waldumgebenen Seen, die hier broads genannt werden; hier und da steigt über Bäumen ein Kirchthurm empor, in der Ferne treiben die Windmühlenflügel, saubere Dörfer und malerische kleine Wirthshäuser liegen am Ufer, und ganz seltsam wirken in dieser grünen, friedlichen Gegend die bei scharfer Brise auf Einen zusausenden Wherries mit ihren großen, unheimlich schwarzen Segeln.

Heute Nachmittag trat Windstille ein, die Matrosen schoben mit den Staken; nun ankern wir unter Sternenschein mitten unter Schilf und Wasserrosen; weit und breit ist keine menschliche Wohnung zu sehen.

Nun, gute Nacht. Schade, daß Du nicht hier bist!

Grüße Deinen Fritz und die drei Rangen, vor Allem mein Pathenkind, das mich bei der nächsten Begegnung hoffentlich nicht so aggressiv lieblos wie letzthin behandeln wird. Herzlichst