Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen Worten spräche: „Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu wissen,“ und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten blonden Schopf.

„Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;“ er schluckte mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte, wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas „auswendig zu merken“. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel länger.

„Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,“ meinte die Mutter und dachte, das kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln.

„Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt ... und – weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als nur – soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? — Bleib sitzen – ganz ruhig.“

Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber, und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet wurde, und nun auch die Zimmertür.

„Halb elf,“ sprach Pfanner, eintretend, „und du bist noch auf, und wo ist der Bub?“


Er war in schlechter Laune.

In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In Gift hätte sich ihm ein vom „Schlosser“ kredenzter Trunk verwandelt. Bis zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner zuletzt nicht mehr an sich halten konnte!

„Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.“