Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann: „Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.“
Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem Seufzer der Resignation sagte: „Die Geschichte Mischkas also!“
„Ich will sie so kurz machen als möglich,“ versetzte der Graf, „und mit dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das jus gladii ausübten.“
„O Gott!“ unterbrach ihn die Gräfin, „spielt das jus gladii eine Rolle in Ihrer Geschichte?“
Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort: „Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache herunterleierte.
„Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er noch jetzt. – Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten einander verstohlen zu und mehr als: ‚So, – ja eben so‘, und: – ‚je nun, wie's schon ist‘, war aus ihnen nicht herauszubringen.
„Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe morgen den neuen Dienst anzutreten.
„Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder vor seiner Gebieterin. ‚Nun,‘ fragte diese – ‚was sagen die Alten?‘ Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...“
„Waren Sie dabei?“ fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
„Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,“ erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. „Er schob das Bein vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten schwämmen in Tränen der Dankbarkeit.