„‚Ah!‘ stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während der Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich hinbrummte: ‚Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben begonnen haben.‘

„Das Wort ‚begnadigt‘ war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen suche.

„Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses Bild verkörperter Demut: ‚Steh auf‘, sagte sie und – zuckte zusammen und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen. Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins, denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...

„‚Nun?‘ fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos herbeistürzenden Fritz: ‚Hast du's bestellt?‘

„‚Zu dienen,‘ antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem süßen Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: ‚Er laßt die Hand küssen, er ist schon tot.‘“ –

„Fürchterlich!“ rief die Gräfin aus, „und das nennen Sie eine friedliche Geschichte?“

„Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,“ erwiderte der Graf. „Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.“


Fräulein Susannens Weihnachtsabend.