„‚Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.‘

„‚Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben – da hat er sich schwer getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung angetreten hat. Und dann – die Wanderung, die weit ist, und die Person, hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele zusammengebrochen ist.‘

„Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. ‚Eine merkwürdige Verkettung von Fatalitäten,‘ sprach sie, ‚vielleicht eine Strafe des Himmels.‘

„‚Wohl, wohl,‘ nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt hatte. ‚Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!‘ schaltete er, seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein – ‚und dieser Bettlerin‘, er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, ‚huldvollst ihre flehentliche Bitte erfüllen.‘

„Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander, und sie sank immer tiefer in sich zusammen.

„‚Was will sie denn eigentlich?‘ fragte meine Großmutter.

„‚Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der Gerechtigkeit besser Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.‘

„‚Warum?‘

„‚Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.‘

„Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: ‚Geh aufs Amt,‘ befahl sie, ‚Mischka ist begnadigt.‘