Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? – Es hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut auf, daß man's deutlich bis ins Zimmer hört: „Jo wos denn? Na, so wos ...“ Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein Kommissionär, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist, und trägt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt behangenes Christbäumchen.

Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen.

Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: „Von der Freiung Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i sog's holt – die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's Christbäumerl.“

Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem Fräulein persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit einem A sei ihm gesagt worden.

„Reiner mit E,“ berichtigt Susanne, und er wiederholt:

„Mit E?“ und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat. Rosis Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern und schiebt ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. „Gib ihm einen Gulden!“ ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem Jauchzen heraus, glückseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt muß man sein und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begrüßen, wenn sie kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag.

Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken, daß er seine Menschen so gut gegen mich sein ließ.

Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen in schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem mit rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des Vetters ausgeführte Widmung trägt. Sie lautet:

Es zeigt Dir dieser Stein hier,
Was immer ist ohne Dir:

Dein Seppel.