Ohne „Dir“ und – „Seppel!“ O verehrter Joseph! – Nun, ein Scherz, aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie, und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des Regenbogens? – ein wundervoll gefaßter Solitär ...

Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend Unbegreiflichen über.

Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch zu verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob er sie für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen darf? und den Solitär an das Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin.

Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist sie unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig bleibt, als das Päckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr unwirsch und brummt: „Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und studiert sei schmierige Adreß. ‚Nummer fünf heißt's,‘ sogt er, Nummer drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?“

„Nummer fünf?“ fragt das Fräulein beunruhigt, „liebe Rosi, wenn es wirklich fünf hieße und nicht drei?“

Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise auftauchende Sorge hinaus.

Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: „Mein erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro —“

Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder geläutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf ihre Magd. Die jedoch ist ganz übermütig: „Heut geht's ober zu. No jo, vielleicht schickt Seine Majestät der Kaiser wos.“

Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und eine Überraschung ist's, aber was für eine!

Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus und fährt Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das Bäumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm nichts weggekommen ist, sonst – den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen.