Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür zu, daß alles dröhnt.
Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus Rücksicht für den Überzug, niedergleiten, sonder niederfallen, Rosi stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in den Gürtel. Ihre Augen funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt:
„Na, dos is aber doch!“
Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib mir Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden Mädchen die Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen Puls, und meine Füße sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne, mein Prachtmenschenexemplar – wie siehst du aus!
„Die Rainer,“ nimmt Rosi wieder das Wort, „dos is die Lokalsängerin, wo neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß freilich die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu der ihrer Bekonntschoft g'hört, hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und lauft der schiechen Astel nach.“
Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich natürlichem Tone zu sagen: „Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben eine große Künstlerin.“
„So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar hinterm Rucken der gnädigen Frau?“
„Liebe Rosi,“ erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, „dieses Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den Herrschaften, daß sie großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten Blumen schicken oder – Christbäume.“
„Meinen's Fräulein? – No jo,“ spricht Rosi mit ihrem gewohnten überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht ahnen darf, daß in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der Intelligenz, genossen werden.
Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren traurigen Betrachtungen überlassen.