– Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und Familienvater? – „Ohne Dir ...“ Sie sind also auf dem Du-Fuße, – „Ohne Dir,“ schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: „Ohne Dich!“ – Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer das Gleichgewicht verloren hat.
Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen wird treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen Kindern, deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für Fräulein Rainer.
Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin einer großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen werden ihr zurufen: Mitwisserin! – Ach, gar zu gern hätte sie sich den morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am heiligen Abend, sie wird nicht wieder lügen am heiligen Tage. Durch! sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehäuften Trümmer ihres schönsten Wahngebildes.
Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen, seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter.
Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem Stolze das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die bereits eingetroffen sind.
In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet des Kicherns kein Ende.
Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: „Freut euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens an die Menschen,“ sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch hinunter.
Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: „Hat's geschmeckt?“ erwidern zu können: „Es war so gut, daß ich nicht alles auf einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.“ – Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so geht es fort und dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermeßlich reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu verwendet, sie aus drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch die Erinnerung an die Befreierin.
Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem Himmel ganz besonders für diese Gnade; sie betet überhaupt sehr lange, gibt immer wieder einige Vaterunser zu für einen vom rechten Wege weit Abgeirrten.
Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken! Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken, doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie, die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt sich nicht.