Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast; täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. Leiden und Leidenschaft sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust? Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an ihm gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.

O, des Wahnsinns! Oder – des Verbrechens – oder vielmehr der beiden! Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.“

Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen – die Wonne, aus den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. – Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.

Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:

„Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!“ Da riefen alle, da tönte es mit der Stimme einer Begeisterung aus der Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern:

„Wir schwören!“

Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine Füße. „Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!“ überschrie einer aus der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:

„Nicht mir Gehorsam – der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.“

Die Beteuerungen wiederholten sich.

„So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die Eidesformel und den Katechismus,“ sprach der Agitator, und Stille trat während der Verteilung der Schriften ein.