Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen seiner Jünger.
„Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir keine andern Gegner hätten als sie,“ sprach er ruhig. „Der Bedrücker sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen – er regt sich nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben – und dessen gedenken sie nicht! – sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.“
Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.
Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels ansichtig wurde.
„Gott wird die Schuldigen richten!“ nahm er wieder das Wort. „Was uns zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis ausgestattet wie ihr – und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...“
Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle Blicke: „Ich bin sehr enttäuscht,“ flüsterte ein Advokatenschreiber den gelehrten Herren zu: „Das ist ja gar nichts.“
Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.
Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in Tätlichkeiten auszuarten.
Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.
„Laßt jeden unbehelligt ziehen,“ befahl er. „Wer von euch kann sagen, ob das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder, mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde umgibt, ist Treue, was mich vernimmt – Verständnis. Den tiefsten Inhalt meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also mitteilen werden.