Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.
Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm erkannt worden war.
An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein Pole – man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt – in die Rekonvaleszentenstube.
Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem Leben.
„Du heißest Hawryl Koska,“ sagte er zu ihm, „bist ein aus dem Königreich zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in deinem Passe. Ist das richtig?“
Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften stehen.
„In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,“ rief Hawryl, „in der ein Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. – Mein erstes Gefühl war das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch vollenden.
Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, eitlen Augen – ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die des bescheidenen Taglöhners.
Das erkannte ich.
Und nun – wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe schritt – da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen aufzurufen zu Kampf und Streit?“