Professor Erhard an den Grafen Edmund N.

Korin, den 15. Mai 1875.

Hochgeborener Herr Graf!

Mein lieber Mundi!

Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter, gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe.

Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten, vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel. Wir wußten, was wir taten, und durften es – wie Figura zeigt – wohl tun.

Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist eine Zierde des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete, daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck und mir durchaus neu) dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte, eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes, der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich, ersehnt – das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es derselben heute ferner als uns die Sintflut.

Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten empfehlen.

In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit

Dein alter Lehrer P. Erhard.