PS. In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.

III.

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Paris, den 22. Mai 1875.

Lieber Professor, bester Freund!

Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter.

Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines – so heißt nämlich die halb und halb Erwählte – besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt. Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich „de l'amitié“ – nicht zu übersetzen mit unserm deutschen „Freundschaft“; es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen – für unsre Sammlung. Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben hielten, einen „chasseur du roi“, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt, mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette als Ludwig XI. In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines „Tschèche“ und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen sie los.

Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des Zornes gegen uns – welch ein Schnitzer! ich sage uns, ich „Tschèche“, – auf Madeleine wirken.

Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung; wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft zitterten auf ihrem Schoße.

Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert. Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.