Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet findet und peinlich überrascht.
Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte, bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und Schwerste aus – und das war dann, was sie tat, so natürlich und einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre.
Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte Ofenhocker.
Und später – das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? – lag ich auf den Knien vor dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem allgütigen Lächeln: „Verliebe Dich, mein Sohn.“
Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt worden sind.
Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. – Aber dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der Empfindung.
Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt.
Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke – Dir, alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen – in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig, ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit mir ängstlich zu vermeiden schien —
Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose, alberne – anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten, das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin.
Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer entschiedener. – „Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja bei uns gar nicht aus.“