Ich will sie Irina nennen.

Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als „Adoptivtochter“ eines hohen Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit. Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf die Kunst, nichts zu versprechen und – alles hoffen zu lassen. An mir ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, – aber kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an den Kopf wirft, den Spröden spielt? – Ich hatte nur den Abhub der Liebe zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die Verhältnisse.

Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr.

Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder hinein zu schlüpfen.

Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen (aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften Weise: „Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht beantwortet?“

Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: „Weil ich wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.“

„Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.“

„Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns beide.“

Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül, hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken auf.

Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht geöffneten Lippen. – „Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem siebenbürgischen Gretna Green.“