Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste Gelegenheit, dem unermüdlichen Fleiß und Diensteifer des Offizianten die gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.
„Für außergewöhnliche Leistungen außergewöhnliche Auszeichnungen. Verlassen Sie sich darauf.“ Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden Glücksgefühl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf Beförderung außer der Tour? Auf eine große Remuneration? Die wäre ihm vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch würde dadurch eine unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm er es aus der Lade und ließ die wenigen, mühselig vom Gehalt ersparten Gulden eintragen, um nur ja nicht unnötigerweise einen Heller Zinsen einzubüßen.
Der Sparkassenbeamte lachte schon: „Was bringen's denn heut, Herr Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?“
Pfanners Hochmut litt unter diesen Spötteleien. Und jetzt stellte er sich vor, wie ihm sein würde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei hinlegen könnte und nachlässig sagen:
„Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.“
Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermögens – er liebte ihn mehr, wenn er daran dachte.
Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht über seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der kahlen, dürftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die Schule geschlossen werden, und die Kameraden würden auf Ferien gehen; einige in die Nähe von Wien, andre glückliche ganz aufs Land, auf das wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schimmernden Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle ... Nur er kam nie hinaus aus den trostlosen Straßen der Vorstadt, nie fort vom müdmachenden, langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe zerriß und die Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes:
„Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.“
In seinem Jungen aber schrie es: Nicht nur um zu lernen! Manchmal schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt: „Die andern sind jetzt auf Ferien und lernen nicht.“
Da war der Vater bös geworden. „Sind das Vorzugsschüler? Wenn ja ein paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien ... was Ferien! Ein tüchtiger Mensch braucht keine, will keine. Hab ich Ferien?“ Es war der Stolz Pfanners, daß er noch nie Urlaub genommen.