„Es ist so schwer,“ murmelte Georg.

Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: „Schwer, fauler Bub? Deine Faulheit überwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.“

„Ich hab alles fertig,“ sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und drängte die Tränen zurück, die ihm wieder in die Augen treten wollten, „nur die Rechnung nicht ...“ da kippte seine Stimme um, der Satz endete mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen sich tiefer. Seinem Bekenntnis mußte die Strafe folgen, er erwartete die unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die Wange Georgs auf Tage hinaus grün und blau marmorierte.

Aber heute zürnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte sich sein Arm über die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfältig geschriebene Zahlen eine Seite des Heftes bedeckten.

„Da sitzt der Fehler. Siehst du?“

War's möglich, daß Georg ihn noch immer nicht sah? daß er sich keinen Rat wußte, auch dann nicht, als der Vater zu erklären begann. Er tat das auf eine so völlig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte das richtige Verständnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und Mühe. Dazu die Furcht: Jetzt reißt dem Vater die Geduld, jetzt kommt der Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wünschte, die Züchtigung wäre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ängstigen brauche.

„Gib acht, du gibst nicht acht!“ rief Pfanner und begab sich auf seinen Platz am oberen Ende des Tisches, wo für ihn gedeckt war. Die Mutter hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schönes Stück Butter, ein Laib Brot, eine Schüssel mit kaltem Fleische. Die stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mißbilligung blieb nicht aus.

„Fleisch am Abend – was heißt das? Keine neue Einführung, bitt ich mir aus.“

Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin hätte so schönes Fleisch vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges abgetreten: „Es ist auch noch für morgen da,“ setzte sie hinzu, um einer wiederholten Rüge vorzubeugen, die viel schärfer ausgefallen wäre. Sie hätte aber auch die schärfste über sich ergehen lassen. Es galt einen Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis nachgeben durfte.

Das Abendessen war längst vorbei, die Mutter längst zur Ruhe gegangen, Vater und Sohn saßen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befaßte sich mit dem Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war völlig bei seiner Beschäftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glück erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder zerstreuend und ablenkend ein.