gewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen ‘flog mir am Kopfe vorbei,’ um einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war für mich, was man Arbeit nannte, und Hochgenuß die Erholung – das Wandern durch den Wald mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden Strauch, jede Blume kannte, ‘von Namen und von Angesicht,’ und den Gesang jedes unserer Waldvögel nachmachen konnte, daß man ihn selbst zu hören glaubte. Ja, die Kindheit war schön. Und das alles auf einmal wie abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht – todt. Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht? Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thäter freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das große, wie man einst sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch Generationen das Oberförsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges, nichtsnutziges Früchtlein von einem Majoratsherrn hatte das väterliche Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.
Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber für einen unerschöpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im Walde, nach einem Provinzstädtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben, und alle studirten, und nun war’s selbstverständlich, daß auch ich studirte. Ich that’s ungern, weiß Gott, aber nicht schlecht, dank meinem lächerlichen Gedächtniß. Als Vorzugsschüler zog ich durch die Klassen. Von Zeit zu Zeit bäumte es sich in mir auf: ‘Mutter, ich will nicht Philologe werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Förster werden und leben im thauigen Wald, Bäume pflanzen, Wild hegen.’ – ‘Alles schön,’ sagte sie, ‘aber klassische Bildung ist doch das Höchste. Lerne wenigstens den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre erhebende, veredelnde Macht empfinden.’
Sie selbst war eine tüchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden beisammen saßen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei bebte leises Entzücken in ihrem Tone,
und ihr feines weißes Gesicht verklärte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu fünfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges, musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und dem bißchen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mußte und herauskam in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend für Poesie hielten. Es regnete nicht, es schüttete Gedichte. Die Pseudomuse kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anlaß, bei Geburtstagen der Professoren, beim Schluß des Studienjahres, bei Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und wenn meine Mutter mich »gedruckt« sehen konnte, war sie glücklich.
In vorgerückten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging regelmäßig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder durchfroren heim. Und zu meiner Betrübniß zog sie immer dieselben Kleider an, und die wurden nur
noch mit viel Kunst und Mühe in leidlichem Stand erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstücke anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten von mir überrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rücken der Bürgermeisterin.
‘Mutter’, sagt’ ich, ‘die Bürgermeisterin hat deine Sammetmantille.’ ‘Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.’ ‘Aber gemacht hast du sie, ja, ja, ganz gewiß, und verschenkt, oder – Mutter!’ Ihre Verlegenheit erweckte einen beschämenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von peinlichen Gedanken.
Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit kleinen Geldbeträgen von räthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der Hausherr neulich den überhöflichen Bückling, den meine Mutter ihm machte, nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte,
so hieß das eben: Ich bin ein Flegel, und nicht: Sie sind im Rückstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich für reich. Hatte ich nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen für mich gut besetzten Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel nicht los, der mich überkommen hatte und sprach: ‘Wenn die Renten nicht ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.’ Sie erwiderte mühsam und mit leiser Stimme: ‘Unser Kapital hat einst aus dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben zu machen, ich habe Jahr für Jahr das Kapital angreifen müssen. Da hat es sich denn sehr verringert, das heißt, nein,’ sprach sie und öffnete mir die Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, ‘es hat sich verwandelt, aus sehr Schätzbarem in Unschätzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist deine kräftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind’s, deine guten Augen.’
Ich war sehr enttäuscht und sagte: ‘Außerdem