Der lebte auf, aber noch recht dürftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter wie ein glücklich Operirter gegen seine Ärzte.

Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den Aristokraten, und staunte, daß gerade zwei Angehörige dieser Menschenklasse sich frei von der rohen und egoistischen Rücksichtslosigkeit

zeigten, die fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: »Ja, ja,« sagte er plötzlich laut, »willst du deinen Nächsten kennen lernen? Sieh dir ihn an im Gedränge und im Eisenbahnwaggon!«

Vogel wurde allmählich wieder beredtsam, seine Reisegefährten verstanden gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhören, und so hatte er, er wußte selbst nicht, wie’s geschah, den fremden Leuten, bevor man Lundenburg noch erreichte, wo die große Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt werden sollte – seine Lebensgeschichte erzählt.

Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne für sich, seltsam als Paar, als glückliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn und Enkel von Forstleuten, ein Jäger durch und durch – alle Jäger sind gute Menschen, sagt Turgeniew – von klassischer Bildung nicht angeleckt. Aber auch kein Feind von Büchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo hätte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberförster, verantwortlich für das Thun und Lassen eines großen Personals und für jedes Stück Wild und für jeden Baum in einem Komplex von zweitausend

Joch Wald! Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, höchste irdische Seligkeit! So mühe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte, er kam am Abend zufrieden heim, küßte seine Frau und seinen Jungen, hing sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch mit gehörigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zündete er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstündchen. Meistens sprach der Vater allein, und sein Junge hörte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu, weil sich’s um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und Wilddiebe. Und auch die Frau hörte ihn immer gern erzählen, nicht weil ihr Interesse an den Dingen, von denen er sprach, groß war, sondern weil sie ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der großen Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die Tochter eines Professors an der Wiener Universität, und die Umstände, unter denen das hochgebildete schöne Gelehrtenkind den einfachen Jägersmann vom Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, würden den Stoff zu

einem wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses Novellchen gefallen würde, liegt mit unseren Großmüttern begraben.

»Kennen Sie,« fragte Bertram, »das liebenswürdige Buch: Als der Großvater die Großmutter nahm? Da hinein würde das Novellchen gehören. Immer begiebt sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich beständig gleich, aber was die anderen von diesem Thun wissen wollen, darüber entscheidet die Mode. Alle großen Strömungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der Wissenschaft, in der Kunst – Sache der Mode, nichts weiter.«

Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:

»Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich hätte finden können, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt: meine Mutter. Nun aber das Unglück: ich hatte ein merkwürdig gutes Gedächtniß; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einem