Die Baronin hatte ein aristokratisches Bedenken: »Uralt?«
»Gewiß. Ich ahne zwar nicht, aus welcher Schöpfungsperiode die Meisen und die Männer stammen, aber sicherlich aus einer älteren, als die ältesten Adelsgeschlechter.«
»Du sprichst pro domo, Vogel, weil dann auch du einen uralten Namen hast.« Hagen lachte, und es war betrübend, ihn lachen zu hören und zu sehen. Er lachte wie er sprach, stoßweise, bellend, und schien dabei eine unangenehme Empfindung zu haben, seine Züge erheiterten sich nicht, sie verzerrten sich.
Sollte der nervöse Bertram unter Menschen
gerathen sein, noch nervöser als er? An dem jungen Sohn des Hauses mit dem alten Gesichte war alles krankhaft, auch die Hast, mit der er aß, und der prahlerische Übermuth, mit dem er ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte.
Sein Vater richtete eine schüchterne Ermahnung an ihn, sie blieb wirkungslos und wurde nicht wiederholt; augenscheinlich fürchtete Weißenberg des Sohnes offenen Widerstand heraufzubeschwören.
Auch Sieglindchen verrieth eine Boa constrictor-Natur beim Verschlingen der thurmhohen Portionen, die sie sich vorlegte. Das Mittagessen war allerdings ausgezeichnet, und Bertram bedauerte, ihm nicht so viel Ehre erweisen zu können, als seine gastfreien Wirthe gewünscht hätten.
Was war’s, das ihm den Appetit raubte? Der Anblick der beiden jungen Fresser am Tische, die beängstigende Liebenswürdigkeit der Hausfrau, oder vielleicht die Nähe des Fräuleins von Weißenberg? Sie wirkte mächtig auf ihn, beschäftigte seine Gedanken, zwang ihn zu fortwährender Selbstüberwindung, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie gar zu oft anzusehen.
Eine eigentliche Schönheit konnte man sie nicht nennen, aber es war so vieles an ihr schön! Die Form des Kopfes, ihre Art ihn zu tragen, der wundervolle Ansatz des schlanken Halses, die reichen dunkelbraunen Haare, die Nase, der Mund, der hartnäckig schwieg und der, das glaubte Bertram zu errathen, doch so gern gelacht und gescherzt hätte. Und die streng blickenden Augen, dunkel wie die Flügel des Trauermantels, wie mußten die leuchten können, wenn ein Glücksgefühl sich in ihnen widerspiegelte!
»Es ist schrecklich, Sie essen nicht,« sagte die Baronin, und ihr Gast entschuldigte sich: