»Ich bet’ ihn an. Ich habe einen Gott gesucht und ihn in Nietzsche gefunden.«
»Hast Du? Wenn ich nur wüßte, der wievielte Du bist, von dem ich das höre.«
»Und wenn ich der zweite oder tausendste bin – seine Jünger sind wir alle. Das ist euch unheimlich, ihr Alten; das treibt euch alle Haare, die ihr noch habt, zu Berge.«
»Aber Hagen! aber Hagen!« hatte Weißenberg einmal ums andere, beängstigt und flehend gesagt und sich dabei nicht an den Sohn, sondern an den Instruktor gewendet. Der zuckte die Achseln:
»Es ist heute nichts mit ihm anzufangen, man muß ihn gehen lassen. Er produzirt sich, nicht bloß wie gewöhnlich vor dem Fräulein von Weißenberg, sondern auch vor Herrn Vogel.«
»Daneben geschossen, mein Lieber!« erwiderte sein Zögling. »Sich produziren! vor dir, Cousine! Als ob man das dürfte in seiner Gegenwart! Der girrende Ziska – eine neue Ziskaspecies, die girrende – brennt vor Eifersucht wie eine Pechfackel. Nicht wahr, Cousine?«
Gertrud hatte während dieses Intermezzos nicht mit einer Wimper gezuckt, nicht das geringste Zeichen von Ungeduld über das Jüngelchen gegeben, die mordbrennerischen Blicke, die Meisenmann ihr verstohlen zuwarf, ruhig ausgehalten. Und bei dem ehrfurchtsvoll auf sie gerichteten Blicke Bertrams wechselte sie wieder die Farbe und gerieth in Bestürzung. Wie sollte er sich das erklären?
Was machte sie so verlegen vor ihm, sie, die den andern gegenüber wie eingefroren blieb in majestätische Gelassenheit?
VII.
Das Mittagsessen war vorbei, die Tafel wurde aufgehoben. Herr Meisenmann machte eine rasche, aggressive Verbeugung, die ganz unverkennbar den Wunsch ausdrückte: Hol euch alle der Teufel! und schoß davon. Mit anmuthigem Neigen des Hauptes verließ auch Gertrud den Speisesaal. Geschah das freiwillig oder auf Befehl? Nahm sie im Hause nicht die Stellung eines Familienmitgliedes, sondern die einer Erzieherin ein, und durfte sie den geheiligten Raum des Rauchzimmers, in das man sich jetzt begab, nicht betreten?