»Wir geben dir unumschränkte Vollmacht. Nimm dich unseres Buben an, er ist unser Glück, der Stolz des Hauses.«

»Seien Sie für ihn ein Arzt der Seele! Sie haben doch auch eine große Vorliebe für dieses schöne Buch?« sagte die Baronin gepreßt, nicht nur im bildlichen Sinne, denn ihr Gemahl rückte jetzt mit äußerster Anstrengung auf seinem Sitze vor und legte die mühsam frei gemachte Rechte auf Bertrams Kniee:

»Hilf uns, du kannst, du verstehst alles, man sieht’s aus deinen Kritiken. Welche Vielseitigkeit! sagen wir immer, meine Frau und ich.«

»Im Tadeln,« erwiderte Bertram. »Die Kunst, alles zu tadeln, erlernt man in meinem Metier. Aber, die Kunst, es besser zu machen, natürlich nicht. So habe ich denn auch von Kinderzucht keinen Dunst, ausgemacht ist mir nur, daß die deine, lieber Alter, und die Ihre, gnädige Frau, nichts taugt.«

»Dieser Meinung sind wir selbst,« sprach Weißenberg kleinmüthig, »unsere Kinderzucht hat Mängel. Gieb sie an, sag’ etwas Positives.«

»Etwas Positives ... Nun, wenn ich aufrichtig sein darf – diesen Mängeln abzuhelfen, scheint mir Hagens Lehrer nicht der rechte Mann.«

»Dich genirt der Czech und der Antisemit. Ja, Verehrtester, finde du mir heutzutage einen Lehrer, der nicht etwas ist, was er besser nicht wäre. Wir haben traurige Erfahrungen gemacht. Meisenmann hat Unarten, aber doch auch Qualitäten. Unterrichtet vorzüglich, ist famos in seinem Fache – Geschichte. Im Herbst wird er Professor

am Gymnasium, und mit der Zeit ganz gewiß Direktor.«

»So? so!... Das ist das Holz aus dem ...« Ein neuer empörender Gedanke durchkreuzte Bertrams Hirn, eh’ noch der frühere ganz ausgesprochen war, und machte sich Luft in den Worten: »Und in deine Nichte ist er verliebt, der Mensch!«

Die Baronin lächelte sanft, Weißenberg massirte sein Kinn und war heiter. »Ja, der ‘Professor’ ist tüchtig verbrannt. Ob hoffnungslos? Jetzt hat’s freilich den Anschein. Doch wer weiß, was noch geschieht, wenn er sich nicht zu früh abschrecken läßt.«