»Ich aber soll deine Novelle lesen? Na, ich hab’s gesagt – und ‘wenn was auf Erden heilig ist’« ... Er schüttelte sich.
Wäre er jetzt zu Hause gewesen in seiner Bratröhre, am Schreibtisch unter der Gasflamme, die trübseligste Entmuthigung würde ihn ergriffen haben als Rückschlag seines Entschlusses. Aber er war auf dem Lande, in einem reizenden, von Wiesen, Hainen und Wäldern umgebenen Garten. In der Ferne vor ihm bauten sich schön bekuppte Bergketten auf, im Westen, wo das grüne Land mit dem Horizont zu verschwimmen schien, war die Sonne untergegangen und sandte der Erde ihre leuchtenden Abschiedsgrüße zu, lohende Lichtstrahlen, die ein »Auge Gottes« bildend, fächerartig ausgebreitet, hoch hinaufstiegen bis ans Himmelsgewölbe.
»Athmen ist Glück!« rief Bertram plötzlich aus und jauchzte in jähem Stimmungswechsel:
»Herrlicher Sonnenuntergang, dem bald, o Wonne, eine göttliche Sternennacht folgen wird, und morgen wieder ein freier Tag im Freien!«
Er lief mehr als er ging der Fischerhütte zu,
bewunderte überströmenden Herzens den Teich, der vergrößert worden war, und eine unregelmäßige Form bekommen hatte, gerieth in Entzücken über den Springbrunnen, den »musikalisch niederplätschernden,« wie die Baronin sagte, und war höchlich einverstanden, als die Hausfrau vorschlug nach dem Schlosse zurückzukehren und den Thee auf der Terrasse »einzunehmen.«
Nur gegen das letzte Wort erlaubte er sich zu protestiren: »Trinken, Hochverehrte! nicht einnehmen. Einnehmen mahnt an die Apotheke, und wir sind frisch und gesund.«
Seine Fröhlichkeit weckte in jedem einzelnen der Gesellschaft ein mehr oder minder lautes Echo. Die Baronin führte munter eine so lange Reihe von Büchertiteln und Autoren an, daß in Bertram der Verdacht aufstieg, sie habe, um ihm ein Fest zu bereiten, einen Leihbibliothekskatalog auswendig gelernt. Er machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung, als alle die Namen ihn umtanzten wie ein unsichtbarer Fliegenschwarm, und sagte mit forcirter Höflichkeit:
»Ein neuer Vorzug, gnädige Baronin, Ihr Interesse für Litteratur. Ich bin erstaunt ...«
»Sie haben keine Ursache! Sie nicht!... Sie, der Urheber dieses Interesses. O, lieber Vogelweid, Ihre Romane und Ihre ‘Überblicke!’ Stumpf müßte man sein, um nicht von ihnen gepackt und hingerissen zu werden; mitten hinein in den Strom des geistigen Lebens unserer Zeit ...«