Schwäche. Und wie viele andere Strömungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter der alleinig zur Überschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende Nil! Mit täglich wachsender Furie platzen sie aufeinander – bäumen sich zu Gischtsäulen empor ... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht, so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!«

Während er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenüber saß, schien sein Blick auf ihr zu ruhen. Der Ärmsten war, als ob sie mit glühenden Nägeln an die Pfeiler der Veranda genagelt würde.

Weißenberg hatte dem Freunde fortwährend seine Zustimmung zu erkennen gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist, den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:

»Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.«

»Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir selbst,« versetzte Bertram.

Gertrud erhob den Kopf und lachte: »Sie scheinen zur Übertreibung geneigt, Herr Vogel.«

Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob sie ihm die größte Schmeichelei gesagt hätte: »Ja, ganz gewiß! Ich übertreibe, ich bin übertrieben, im Treibhaus wird man übertrieben.«

Er wurde auf einmal ungeheuer vergnügt, faßte himmelhohe Hoffnungen und entwarf traumhaft schöne Zukunftspläne. Sein hitziger Ausfall von vorhin erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswürdig sein, gefallen mit einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und wurde immer heiterer und sprühte Geistesfunken, denen eine so zündende Kraft innewohnte, daß selbst Sieglinde, die seit dem heißen Guß, der über sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen Witzchen

und Späßchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.

Beim Gutenachtwünschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drückte beide Hände Weißenbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthäter und dankte ihm mit überströmendem Gefühl, er küßte die Hand der Baronin und die Sieglindens und hätte gar zu gern auch die Gertruds geküßt; er ging auf sie zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so küßte er denn noch einmal die Hand der Baronin.