»Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten, nicht in ecclesia, nicht in litteris

»Einige Vorbeterinnen möchte ich doch nicht missen,« versetzte Bertram. Ihm schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gespräch

hineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:

»Ausnahmen betätigen die Regel,« sprach er gereizt:

»Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens fließen, wenn sie nicht sprudeln kann.« Er zwirbelte an seinem Schnurrbart: »Sie schreiben also, Baronesse?«

»Ich schreibe nicht, ich dichte,« verbesserte sie weinerlich.

»Sie dichten und wollen gedruckt werden. ‘Hat er es einmal aufgeschrieben, will er, die ganze Welt soll’s lieben,’ sagt Goethe. Das ist ein Unglück, wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage – das Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten, nicht in der Lade des Krämers, nicht im Pult des Studenten und des Schulmädchens, nicht im Arbeitskorb der Näherin. Alles schreibt, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind!«

»Das wußten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheit

freilich nicht. Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid,« sagte die Baronin offenbar verletzt. Sieglinde glühte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast so roth wie sie, senkte den Kopf und beschäftigte sich eifrig mit einer Häkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.

Bertram stieß einen schweren Seufzer aus: »Naturerscheinung, alles Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will berühmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst vergöttert, nach Vergötterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der Socialismus in breiten Kolonnen anrückt, sein ungeheures Prokrustesbett hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den Faulenzer, den Asketen und den Lüstling, nebeneinander einpfercht als Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschränkten, unfehlbaren Tyrannin – der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strömung: Keine Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg. Egoismus das einzige Menschenrecht, Nächstenliebe fluchwürdige