entschlossen, Ihnen die Entscheidung zu überlassen. Lesen Sie, prüfen Sie ernst und gewissenhaft, rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?«
»Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein!« erklärte Weißenberg. »Dichten ist heutzutage Männersache. Wund’re dich nicht, daß ich das weiß,« rief er Bertram triumphirend zu. »Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die Bücher, die du lobst in deinen ‘Überblicken’, darf eine anständige Frau nicht lesen.« Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: »Nicht lesen! Die Litteratur ist in einer großartigen Reform – der Rückkehr zur Männlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen – sagt Vogelweid. Und ich sag’: Bravo! Jetzt ist die Männerlitteratur dran. Will meine Tochter mitthun? will sie Bücher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf?« fuhr er Sieglinde an.
Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung über diesen heftigen Ausfall, nur Gertrud entgegnete:
»Aber, lieber Onkel!«
Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegen
sie und sprach: »O, wie recht haben Sie, mein verehrtes Fräulein!«
Da wurde sie gleich wieder verlegen: »Warum denn? ich habe ja nichts gesagt.«
»Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber Hugo!«
»Kann nicht helfen, Mulier taceat in ecclesia! Daß nach diesem Worte gethan wird, das erhält die Kirche groß. Wären die Frauen auch in der Litteratur nicht zu Wort gekommen, wäre auch die Litteratur groß geblieben.«
»O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die Frömmigkeit der Männer allein angewiesen wäre, und der Litteratur ging’s schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen würden.«