»Von Ihnen! Nehmen Sie mich in die Schule, ich habe Ihnen gut zugesehen. Die Leute gehorchen Ihnen und haben Respekt vor Ihnen, weil Sie alles hundertmal besser verstehen und machen können als jeder andere. Darum will auch ich Ihnen gehorchen und so lange Unterricht bei Ihnen nehmen, bis aus mir ein tüchtiger Ökonom geworden ist. Sie sind Soldat gewesen, richten Sie mich ab, wie ein Wachtmeister den Rekruten, kommandiren Sie mich.«
Waniek hatte wieder sein prächtiges Lächeln:
»Werd’ schon kommandiren, wenn befehlen,« sagte er und verabschiedete sich in seiner kraftvollen und bescheidenen Ruhe; der Beneidenswerthe!
Bertram trat ans Fenster und sah ihm nach. Da stand er im Vorgärtchen und schnitt aus bereitliegenden Rasenziegeln Streifen zurecht, die wahrscheinlich zur Einfassung von Blumenbeeten bestimmt waren. Bei der Arbeit könnte Bertram ihm helfen und würde es mit dem größten Vergnügen thun; aber leider ging’s nicht an. Leider gebot ihm die einfachste Pflicht der Höflichkeit, augenblicklich nach Obositz zurückzueilen, um der Frau Baronin zu danken, gleich im ersten Freudenausbruch. Hastig knöpfte er die Lodenjoppe zu und griff nach seinem Hute. Ein dunkles Gefühl sagte ihm freilich: Was dich jetzt wieder auf und davon jagt, ist ein ganz anderes als reines, pures Dankbarkeitsbedürfniß, es ist die fieberhafte Unstätheit, die dich seit Tagen in schwebender Pein, ein lebendes Pendel, hin und her treibt zwischen Obositz und Vogelhaus. Ja, das war’s und war ein unabwendbares Schicksal, in das es hieß, sich fügen mit männlicher Ergebung.
Nachdenklich ging er die Treppe hinab und mit etwas verlegenem Gruße an dem fleißigen Waniek vorbei in den strömenden Regen hinaus. Gar bald besiegte das Bewußtsein, daß jeder Schritt ihn der Vielgeliebten näher führte, alle unbehaglichen Empfindungen. Herrlich erschien ihm sein Spaziergang unter der Himmelstraufe. Welch ein Unterschied zwischen der Stadt und dem Lande! Dort schütten die Wolken nassen Ruß auf unsere Häupter, hier weiches, thauklares Wasser. Übermüthig schob Bertram den Hut ins Genick, warf den Kopf zurück und bot sein Gesicht dem Regen dar. Wohlthuend kühl rann er ihm über die Stirn und die Wangen. Der Sturm hatte sich gelegt, mit sanftem, gleichmäßigem Rauschen fiel der Regen zur heißdürstenden Erde nieder, die ihm alle ihre Poren öffnete und neu belebt den Duft ihrer urkräftigen, zähen Schollen als urgesunden Athem ausströmte.
In der Nähe der Wegstelle, an der ein Fußsteig abzweigte und dem Dorfe zulief, waren einige Linden im Dreiecke gepflanzt. Am Stamme der einen lehnte eine weibliche Gestalt, in einem langen,
grauen Mantel, und sie schien etwas Rothes in den Armen zu tragen und nun etwas Weißes in Bewegung zu setzen. Sollte das vielleicht ein Taschentuch sein, und gab sie ein Nothsignal?
Er beschleunigte seine Schritte und hörte ganz deutlich seinen Namen rufen, und nun überrieselte es ihn auch im bildlichen Sinne, denn o Zufall, verhüllter, geheimnißvoller Gott! Die ihn rief, war sie, seine unbewußte Quälerin, die geliebte Feindin seiner Seelenruhe.
Er rannte, er sprang mit beiden Füßen über einen Graben (was der Mensch nicht alles kann, ohne zu ahnen, daß er’s kann) und war bei ihr und fragte: »Was befehlen Sie, mein Fräulein?«
»Sehen Sie nur diese Verzweiflung,« antwortete sie und wies auf ein Knäblein von etwa fünf Jahren, das auf dem Boden lag, sich an ihren Mantel anklammerte und jämmerlich schluchzte. Der rothe Gegenstand aber, den Bertram von weitem gesehen hatte, war ein Federbett, und in dem steckte ein Wickelkind, das zu Gertrud, die es sanft und liebkosend wiegte, mit weitgeöffneten erschreckten