Der erschrak und sah ihn voll Mißtrauen an. Wie kam der fremde Mann dazu, nach seinem Namen zu fragen? Er suchte seine Angst hinter einer trotzig abwehrenden Miene zu verbergen, ergriff die Hand seiner Schwester und hastete mit ihr davon.

Brand blickte ihnen nach: Ihre Kinder! ja gewiß – auch das Mädchen hatte Ähnlichkeit mit ihr in den Bewegungen, dem Gang, in der Art und Weise, den Kopf zu tragen. Im Forteilen noch wendete Annerl sich mehrmals um und lächelte den ernsten, alten Herrn an, vor dem davon zu laufen ihr Bruder sie zwang, und der ihr gar keine Furcht einflößte, o nein, nicht die mindeste!

Ihre Kinder – das waren sie, so hatte er sie gefunden. Die Wirklichkeit übertraf seine traurigsten

Befürchtungen. Das scheue Wesen des Knaben, seine Beschäftigung, die Kleidung, das Aussehen der Kleinen. Alles, Alles an ihnen erzählte von Dürftigkeit, von Entbehrung, von einem harten Kampfe um das tägliche Brot.

Dietrich blieb noch eine Weile unter dem Thore stehen. Mit mächtiger Selbstüberwindung rang er die tiefe Gemütsbewegung nieder, die ihn ergriffen hatte: kein äußeres Zeichen durfte verrathen, was in ihm vorging.

Als ein sehr gelassener, fast übertrieben höflicher Mann betrat er den Modesalon und wurde von Fräulein Julie, einer gut erhaltenen Schönheit, »comme il faut« bis an die Spitzen ihrer langen, lanzenförmig zugeschnittenen Nägel, würdevoll empfangen. Sie schien befremdet, als er sie bat, fragen zu wollen, ob er die Ehre haben könne, mit Madame Vernon selbst und zwar privatim zu sprechen. Das Fräulein übernahm seine Karte, warf einen Blick darauf – und war elektrisirt.

»Dietrich Brand! Herr Rittmeister Brand ...«

»Nein, mein Fräulein, Brand kurzweg; ich habe meinen Militär-Charakter abgelegt.«

Aber das wußte Fräulein Julie besser. Ablegen, einen solchen Charakter? Als ob man das könnte! Nie! O, sie hatte die Gnade, den Herrn Rittmeister zu kennen, hatte so viel von ihm gehört. O, und wer nicht? Und einige ihrer Verwandten hatten die Gnade gehabt, unter ihm zu dienen. Und nun wollte sie die Gnade haben, ihn der gnädigen Frau zu melden. Einen solchen Besuch werde sie sicherlich empfangen, wenn auch sonst keinen andern, denn die gnädige Frau sei heute nervos.

Sie enteilte, und Brand ließ ein mißbilligendes: »Hm, hm, nervos« vernehmen, worauf ihn einige der Magazins-Damen verstohlen anguckten. Andere kicherten vor sich hin, und ein lustiges Ding von einer Modistin, das eben einer ältlichen Kundin einen sehr jugendlichen Hut anprobirte, rang mit einem Lachkrampfe.