Nach kurzer Zeit war Fräulein Julie wieder da und ersuchte den Herrn Rittmeister, die Gnade zu haben, ihr zu Madame Vernon zu folgen. Sie geleitete ihn durch eine Reihe von Ateliers und Salons und verabschiedete sich mit einem wundervollen

Knix, in den sie ihre ganze Seele legte, an der Thür des Boudoirs der Gebieterin.

VIII.

Das war ein Schmuckkästchen. Die Wände mit hellblauem Seidenstoff verkleidet, die Möbel mit demselben Stoffe überzogen, Tische, Tischchen, Etagèren von den verschiedensten Formen, mit theils sehr kostbaren Nippesgegenständen besetzt, ein großer Ankleidespiegel mit vergoldetem Gestell, und mitten in all’ der Pracht die berühmte, geniale, viel umworbene Madame Amélie. Sie war schön und geschmackvoll angethan in einem spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendröthe schimmerte und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und machte so schlank als möglich; aber auch den höchsten Toilettenkünsten sind die Wege gewiesen; Anmuth konnten sie der vierschrötigen Gestalt nicht verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf Madame Amélies saß auf kräftigem Nacken und trug eine Fülle stark

angegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem künstlichen, architektonischen Aufbau an die der römischen Kaiserinnen. Das Gesicht hatte einen ausgesprochenen Neger-Typus, aber die Augen waren schön und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem Zustande, der nicht gleich errathen ließ, ob die Dame geweint hatte oder an Schnupfen litt.

Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schläfen mit weißer Matteischer Elektrizität. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich allerlei Riechmittel; in einer mit heißem Wasser gefüllten Achatschale verdampften einige Tropfen Fichtennadelextrakt.

Brand dankte in seiner ritterlichen Weise für die Gunst, die Madame Vernon ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Güte nicht mißbrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen; er kam nur, um sich von ihr Auskunft zu erbitten über die beiden Kinder, die eben bei ihr gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse, dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nächstes Mal darlegen werde.

Madame Amélie versicherte ihn, daß sie bei einem Manne »de sa trempe« nur die edelsten Absichten voraussetze, zögerte aber doch mit der Antwort, als er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte.

»Fürchten Sie nicht, ein Geheimniß zu verrathen,« sagte er und faßte sie scharf ins Auge. »Es sind die Kinder des Majors von Müller.«

Sie widersprach nicht.