vielleicht durch. Ein Erziehungskünstler sind Sie schon, jetzt müssen Sie noch das Krankenwarten erlernen. Schwächlich bleibt Ihnen der Bursch übrigens sein Lebtag.«
Schwächlich und einsam, dachte Brand. Georg paßte nicht in die Gesellschaft anderer Kinder; hülflos und fremd stand er bei den Samstag-Versammlungen, betheiligte sich nicht an den Spielen der Kinder, sah ihnen nur aufmerksam zu, und dabei verklärte gar oft ein Aufleuchten der Freude, der Liebe, der Bewunderung sein stilles Gesichtchen. Die Kinder wußten diese platonische Theilnahme nicht zu schätzen. Die Mädchen lachten ihn aus, die Buben neckten ihn, vor denen mußte ihn Brand fortwährend retten.
»Wehr’ Dich!« rief er ihm einmal zu, als ein übermüthiger Junge sich vor ihn hinstellte, ihn zum Kampf herausforderte und ihm statt aller anderen Präliminarien einen Faustschlag versetzte.
»Wehr’ Dich!« wiederholte Brand.
Georg richtete einen seltsam fragenden, überlegenden Blick auf ihn, schüttelte den Kopf und sprach: »Nein, laß’ ihn, den Armen.«
Was ging in ihm vor? Verstand er, was er da sagte? Woher kam ihm die Offenbarung, daß Unrecht thun mehr Qual in sich birgt als Unrecht erfahren, und bedauerte er deshalb den Knaben, der ihn schlug?
Ein solcher Mitleidskünstler sollte dieser kleine Georg sein, dem jede sentimentale Weichlichkeit fern lag, der, wie manches von Geburt an kränkliche Kind, körperliche Schmerzen mit klaglosem Heldenmuth ertrug? Er hatte kaum gezuckt, als die Faust des Angreifers auf ihn niederfiel, er hätte sich als Mann nicht anders benehmen können, wenn die schwere Hand des Schicksals ihn getroffen hätte.
Die Zeit, zu der Dietrich in den vergangenen Jahren seine Sommerreise angetreten hatte, war vorbei, und noch immer traf er nicht die geringste Vorbereitung, die Stadt zu verlassen. Frau Peters und ihr pausbäckiger Junge residirten schon seit einigen Wochen im Hochparterre der Villa in Neuwaldegg, die seit dem Tode der Eltern Brands leer gestanden hatte. Magdalena kam wöchentlich zweimal, um »im Geschäft« nachzusehen, das in ihrer Abwesenheit von der »Kusin« geführt wurde,
und versäumte nie, Dietrich zu besuchen und zu ermahnen.
»Kommen’s doch hinaus, Herr Rittmeister, ’s is ja Sünd und Schad, so ein schönes Haus, und Niemand drin als ich und mein kleiner Bub. So ein schöner Garten, und wenn ich Abends da sitz allein unter den Buchen, da mein ich ordentlich, ich hör’ sie lamentiren, um ihren Herrn.«