Dietrich fuhr zusammen. Ihm war, als stände er nicht mehr vor ihr an ihrer Schwelle, als sei sie ihm in weite Ferne gerückt, als hätte eine Kluft sich plötzlich zwischen ihnen aufgethan. Und in der war versunken, was ihm mehr, als er selbst es gewußt, die letzte Zeit hindurch das Leben erhellt hatte – eine leise und hold schimmernde Hoffnung auf zukünftiges Glück.
»So?« sprach er. »So? ... Ganz recht, Sie sind Ihr eigener Herr.«
Sie war’s und wollte es bleiben; hätte sie ihm das deutlicher beweisen können? Sein Rath, sein Wunsch, seine Bitten galten ihr nichts. Nun ja, wenn einem ein Mensch gleichgültig ist! Denke den Gedanken nur aus – eine erloschene Neigung
läßt sich nicht wieder anfachen, nie. Dietrich verbarg seine schmerzvolle Enttäuschung; er lächelte nur sehr traurig, als Frau von Müller sagte:
»Sie sind im Begriff, meinem Kind zu Liebe Ihr Behagen aufzugeben, Ihre Freiheit, und ich sollte dieses große Opfer annehmen und selbst nicht das kleinste bringen? Es ist unmöglich. O, Herr Rittmeister, Sie an meiner Stelle würden das auch finden, Sie würden genau so fühlen und handeln wie ich.«
Brand erwiderte, daß er nicht im Stande sei, sich in die Empfindungsweise einer Dame hinein zu versetzen. Übrigens verstehe es sich von selbst, daß Sophie nichts Anderes thun könne und dürfe als das, was sie für das Rechte halte.
Er nahm Abschied und war ein wenig erbittert und fest entschlossen, mit sich fertig zu werden. Es mußte ihm gelingen, es gelingt jedem tüchtigen Menschen, dem eine schöne Aufgabe gestellt ist, an deren Erfüllung er mit ganzer Liebe geht, die ihn abzieht von der Grübelei über das eigene Wohl und Weh und dem thörichten Hangen und Bangen nach Unerreichbarem. Diese Aufgabe war zunächst:
Georg an sich zu gewöhnen und die Eiswand ein- für allemal zum Schmelzen zu bringen, die immer noch von Zeit zu Zeit wie auf ein Zauberwort aus dem Boden stieg und sich zwischen ihm und dem Kinde aufstellte.
Dietrich warb um seine Zuneigung mit großer Kunst, mit stets bewährter Geduld, und mußte lange werben und durfte sich’s nie merken lassen, daß er warb. Er mußte ihn selbst herankommen lassen, den scheuen kleinen Menschen, der so viel Liebe brauchte und sich immer wieder in plötzlichen Anwandlungen des Mißtrauens von Dem abwendete, der ihm die reichste entgegen trug.
Der berühmte Kinderarzt, mit dem sich Brand seit der Geburt seines Täuflings befreundet hatte und dem er nun auch seinen Pflegesohn vorführte, empfahl die äußerste Sorgfalt. Gute Nahrung, gute Luft, Bewegung, aber keine Ermüdung, Beschäftigung, aber keine Anstrengung. So ein geschicktes Lootsen zwischen allen möglichen Klippen, schwer, schwer! – »Nun,« setzte er tröstend hinzu, als er den tieftraurigen Eindruck sah, den seine Worte auf Brand machten. »Sie bringen ihn