»Im Gegentheil!« rief Brand. »Die Kraft haben, eine nichtsnutzige Neigung auszurotten aus unserem Innersten, heißt den besten Beweis liefern, daß wir recht lebendig sind. Rotten Sie aus, Madame! Es wäre doch des Teufels, wenn Sie etwas Unwürdiges nicht ausrotten könnten!«

Amélie gerieth in Extase: »Helfen Sie mir, Monsieur Rittmeister Brand, nobles, großes Herz! Verlangen Sie von mir einen heiligen Eid, daß ich werde unerbittlich bleiben ...« Sie erhob die Schwurfinger: »Je jure ...«

Dietrich ließ sie nicht weiter reden: »Ein fester Vorsatz ist ein Eid und darum nicht weniger heilig, weil wir ihn nur uns selbst geleistet haben.«

Sie dankte ihm für dieses schöne Wort, sie war es werth, daß man ein so schönes Wort zu ihr sprach, denn sie hatte volles Verständniß für

alles Schöne und überhaupt ein sehr feines Gefühl. Jetzt war aber nicht le moment, Gefühle zu haben, jetzt regierte kühle raison allein das Thun und Lassen Madame Vernons. In raschen Zügen entwarf sie ihren Zukunftsplan. Heute noch wollte sie ihren Geschäftsfreund beauftragen, die vorbereitenden Schritte zur Scheidung einzuleiten, morgen bestellte sie ihr Haus, setzte eine Regentschaft mit Fräulein Julie an der Spitze ein, übermorgen reiste sie. O seliger Tag! Tag der Befreiung aus entehrendem Joche! Übermorgen fuhr sie nach ihrem »Paris bien-aimé«, zu ihren Verwandten, von denen sie bei ihren alljährlichen Künstlerfahrten nach der Metropole der Intelligenz, der Erfindungsgabe, des Geschmacks immer mit offenen Armen empfangen, von denen sie verwöhnt, choyirt, adorirt wurde.

»Einen letzten Freundschaftsdienst erweisen Sie mir,« schloß sie. »Gehen Sie zu Ihm –«

»Zu wem? –«

Sie senkte die Augen: »Zu Monsieur Weiß. Sagen Sie ihm, daß ich ihn verachte und lieber sterben, als ihn auch nur einmal wiedersehen will.

Sie aber, mon bon ami, Sie kommen, übermorgen Lebewohl sagen der armen Amélie.«

Er versprach, sich gewiß noch vor ihrer Abfahrt einzufinden, und ging hinüber ins Bureau.