Sprößling angebetet. Der große Georg war so gut mit ihm, that Alles, was er wollte, verwies ihm kaum je einen Ungehorsam, eine Unart, räumte ihm aber die Gelegenheit und die Versuchung zu Ungehorsam und Unart sorglich und unauffällig aus dem Wege.
»Hören Sie, Frau Peters,« sagte Brand zu Magdalena, »der Umgang mit meinem Pflegesohn dürfte für meinen Täufling sehr ersprießlich werden. Mein Georg, der ist ein Erzieher!«
Magdalena empfand dies Lob als Tadel ihrer Erziehungskunst, was ihr nicht angenehm war und ihr den Gepriesenen nicht angenehm machte. Sie hatte für ihn viel Mitleid und wenig Zuneigung. Daß er Stunden lang zeichnend, malend auf einem Flecke sitzen konnte, oder auch Stunden lang nichts Anderes thun, als Ameisen oder Vögel oder die Wolken am Himmel beobachten, das ging ihr wider den Strich, war der rührigen Frau unbegreiflich und deshalb unsympathisch.
»Und die Sanftmuth von dem Buben, Herr Rittmeister! Diese ewigen Rücksichten auf andere Leut’, und wie er so g’scheit spricht ... ’s is
unnatürlich, Herr Rittmeister. Eine solche Bravheit, eine solche G’scheitheit kann gar nicht g’sund sein für einen Buben.«
»Für einen Buben, so? Ein Mädchen dürfte natürlich, ohne Gefahr, daß ihr Wohlbefinden darunter leidet, nach Belieben brav und gescheit sein,« erwiderte Dietrich. »Beim Manne, der sich ja doch nur zum zukünftigen Höllenbraten auswächst, kann es nicht zeitlich genug ‘brandeln’, meinen Sie. Das sind Irrthümer, meine liebe Frau Peters, sehr gefährliche Irrthümer, die ihr Scherflein beitragen können zu dem schändlichen Kampfe der Geschlechter, den die Weibmänner und die Mannweiber der ‘Moderne’ in die Welt gesetzt haben.«
Frau Peters war verdutzt: »Kampf der Geschlechter?« »Die Moderne?« Sie ahnte nicht, was das zu bedeuten hatte, und wollte doch den Herrn Rittmeister nicht fragen, aus Furcht, ungebildet zu erscheinen. So beschloß sie, zu warten und von ihrem Manne Aufklärung über die Sache zu verlangen.
Brand hatte seinen Besuch bei Madame Amélie bis zur letzten Stunde vor ihrer Abreise verschoben. Da bedurfte die Scheidende am nothwendigsten seines stärkenden Zuspruches. Er wollte noch einmal an ihren Stolz appelliren und die Hoffnung aussprechen, daß sie im Bewußtsein ihrer geretteten Würde Ersatz finden werde für ihr zweifelhaftes und immer bedrohtes Glück.
Als er sich um halb acht Uhr Morgens dem Hause näherte, sah er einen mit Koffern beladenen Landauer davor stehen. Sollte das der für Madame Vernon bestellte Wagen sein? Nicht zu denken! Der Pariser Zug geht erst wenige Minuten vor Neun ab, sie wird doch nicht eine geschlagene Stunde im Wartezimmer sitzen wollen. Indessen erschien aber ihr Stubenmädchen und reichte dem Kutscher eine umfängliche Hutschachtel auf den Bock hinauf. Kein Zweifel mehr – die seelenstarke Frau hatte Eile, ihren heroischen Entschluß auszuführen und ihr häusliches Domicil, diese Brutstätte des Unheils für Andere, des moralischen Unterganges für sie selbst, zu verlassen.