Beim Abschied und nach dem Abschied muß man euch sehen, ihr falschen Kröten! dachte er. Alsbald aber regte sich sein Gerechtigkeitsbedürfniß und veranlaßte ihn zu allerlei Erwägungen und zu der Frage: »Machen wir Soldaten es nicht im Grunde ebenso? Mit Trauerklängen begleiten wir den entschlafenen Kameraden zur letzten Ruhestätte – mit klingendem Spiele marschiren wir hinweg von seinem Grabe.«
Der Vergleich hinkt freilich wie jeder Vergleich. Übrigens sei es wie es wolle – mit Weibererziehung gedachte Brand sich vorläufig wenigstens nicht mehr zu befassen.
Sophie war bei dem theatralischen Abschied der Principalin nicht erschienen: Dietrich traf sie unterwegs, und sogleich fiel ihre Blässe und ihre sorgenvolle Miene ihm auf. »Was ist Ihnen,« sprach er sie an. »Sie sehen bekümmert aus.«
»Das bin ich auch. Georg ist in der Nacht von heftigem Fieber ergriffen worden, und ich habe den Arzt rufen lassen, ihn aber nicht erwarten können.«
»Ich will ihn erwarten und Ihnen Botschaft ins Atelier bringen,« sagte Dietrich.
»Nicht selbst,« erwiderte sie rasch, »schicken Sie mir Nachricht. Ich bitte.« Sie machte eine flehende Gebärde, nickte ihm zu und eilte davon.
In der Wohnung angelangt, wurde Dietrich von Klein-Annerl begrüßt.
»Weißt Du was?«« rief sie, »nimm heute mich mit auf die Reise. Georg bleibt da, er ist eingeschlafen.«
Und so war’s. Auf einem Sessel in der Fensterecke, mit seinem Hütchen auf dem Schoße, zum Ausgehen bereit, war er in Schlaf gesunken. Sein Kopf hing tief herab auf die Brust, sein Athem ging unhörbar leise. Er war sehr gewachsen in der letzten Zeit, die Ärmel seiner Jacke reichten kaum noch bis zu den schmalen Handgelenken. Wie glichen seine Hände denen seiner Mutter, wie farblos aber und wie abgezehrt waren sie!
Dietrich stand lange vor ihm, ehe er erwachte, plötzlich auffuhr und in das Gesicht des Freundes blickte.