Der Inhalt des Schreibens lautete:
»Lieber gütiger Herr Rittmeister! Seien Sie stark, machen Sie sich auf das Traurigste gefaßt. Ihr kleiner Freund ist todt, gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Ave läuteten. Selig entschlafen – ich weiß jetzt, was das heißt. Ich bin zu Ihnen gekommen, um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Sie haben mir zu leid gethan ...«
Brand las nicht weiter. Das Blatt entsank seiner Hand. Sie war gekommen, um ihm zu sagen: Das Kind ist todt, und hatte es nicht vermocht; sie wußte, wie weh es ihm thun würde, und hatte es ihm nicht sagen können. Aus Mitleid, aus himmlischem Erbarmen – – – Nein, das war mehr als Mitleid und Erbarmen – unendlich mehr.
Bertram Vogelweid.
Bertram Vogel hatte ein Pack Manuskripte in die ohnehin schon überfüllte Lade seines alten Ungeheuers von Schreibtisch gestopft und bemühte sich nun, sie zuzuschieben. Aber sie leistete Widerstand, und als er böse wurde und anfing, heftig an ihr zu rütteln, spießte sie sich gar. Auf einmal schien sie ein menschliches Gesicht anzunehmen, das einen großen, viereckigen Rachen voll Bosheit gegen ihn aufsperrte.
Er trat zurück und seufzte grimmig: »Schon wieder! Schon wieder!«
Auch eine Folge seiner entsetzlichen Nervosität, daß alles Leblose, das ihn umgab, sobald er in die geringste Aufregung gerieth, ein höhnisch grinsendes Gesicht annahm, – das Gesicht eines seiner Feinde und Neider. Er hat ihrer zahllose, er, von Natur der friedfertigste und wohlwollendste
Mensch, ist mit Feinden und Neidern bespickt, wie der Schild des Achilles mit Speeren. Und daran, und überhaupt an allem Übel, das ihn trifft, ist der Beruf schuld, den er ausübt und haßt, der Beruf, in den die Verhältnisse ihn hineingeschoben haben und für den die zärtlichste, geliebteste, thörichtste Mutter ihn auserwählt glaubte.