»Verzeihen Sie, es ist aber zu spaßig gewesen, der Schreck meines Mannes und dann der Ihre.«
»O, gnädige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so schön,« erwiderte Bertram.
Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mußte sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schöne, braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:
»Sie müssen sich’s bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze Coupé genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind. Wenn einer mit einem Bettsack
von hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und drei Decken einrückt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!«
Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf Bertrams Zügen: »Dummes, eingebildetes Volk!« brummte er. »Als ob man nicht hunderttausendmal besser aufgehoben wäre in der Nähe einer Taube als in der eines Tabakrauchers!«
Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er sich nicht erklären konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu verbergen und sich möglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu bewundern; ihre Größe, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen à la Philippine Welser.
»Ja, ja, sind schön, wenn sie mir nur nicht davonfliegen,« sprach der junge Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekümmerten Eigenthümerblicken, »ich habe sie in Wien gekauft für meine Zucht.«
»Sie züchten Tauben?« fragte Bertram voll
Begeisterung. »Ich werde auch Tauben züchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefaßt. Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann.« Er war wie berauscht. Die kräftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: »Ich werde hinter dem Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwärts Gäulchen, vorwärts, zieh die Ackerfurche. O weh!« unterbrach er sich, »ich citire wieder – Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich kann in der Freiheit die schönen Tage der Sklaverei nicht vergessen.« Er klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers an seine Stirn: »Nichts als Bücher da drin, todte Buchstaben. Ich bin nämlich – Gott sei’s geklagt, Litterat. Aber nicht lange mehr, bald schon – unnennbare Wonne – Bauer.«