»Hör' mal,« rief nun der Herzog, »ich hab' noch eine andere Idee. Laß uns hinaufgehen, das Geld vorzählen und dann alles mit einander den Mädchen geben.«
»Herzog! Herzog! laß dich umarmen! das ist der brillanteste Gedanke, den ein Mensch haben kann. Du bist das erfinderischste Gehirn, das sich denken läßt. O, das ist grandios, wahrhaftig. Jetzt soll noch jemand mit Zweifel oder Argwohn kommen, wenn er will – dies überzeugt alle.«
Als wir hinaufkamen, sammelten sich alle um den Tisch. Der König zählte und stellte die Goldstücke auf, dreihundert in jedem Häufchen – zwanzig elegante kleine Türmchen. Jedermann sah hungrig und mundwässrig darauf hin. Dann wurde alles wieder in den Sack gethan und ich sah, wie der König schon wieder zu einer Rede Atem schöpfte. Er sprach:
»Liebe Freunde! Mein armer Bruder, der dort drüben liegt, hat hochherzig an uns gehandelt, die wir hier im Jammerthal zurückgeblieben sind; hochherzig an diesen armen lieben Lämmern, die er geliebt und bewacht hat und die, vater- und mutterlos, auch ihn jetzt entbehren müssen. Ja und wir, die ihn kannten, wissen, daß er noch mehr für sie gethan hätte, wenn er nicht fürchtete, dadurch seinen teuren William und mich zu schädigen. Oder glaubt ihr nicht? Ich zweifle nicht im mindesten daran. Nun, schlechte Brüder wären es, die zu solcher Zeit an sich selbst dächten, und schlechte Onkel, die zu solcher Zeit diese armen süßen Lämmer, die er so liebte, berauben könnten – ja – berauben, sag' ich. Wenn ich William recht kenne – und ich glaube, ich kenne ihn – würde er – nun, ich will ihn gleich fragen.« Er wandte sich und begann mit dem Herzog allerlei Zeichen auszutauschen, und der Herzog sah ihn erst eine Zeit lang dumm und dämlich an, dann, als ob ihm plötzlich etwas einleuchtete, sprang er auf den König zu, vor Freude laut gu–gu–end, und umarmte ihn wohl fünfzehnmal hinter einander. Dann sprach der König: »Wußt ich's doch. Dies wird wohl alle überzeugen, wie er darüber denkt. – Hier Mary Jane, Susan, Johanna, nehmt das Geld – nehmt das Ganze. Es ist ein Geschenk von ihm, der dort liegt, kalt aber selig.«
Dann sprang Mary Jane zu ihm, Susan und die ›Hasenlippe‹ zum Herzog; solch Umarmen, Ansherzdrücken und Küssen habe ich niemals gesehen. Alle drängten sich herbei, mit Thränen in den Augen, und die meisten schüttelten den zwei Betrügern die Hände mit Redensarten wie: »Ihr lieben, guten Seelen! – wie lieb! – wie konntet ihr das?!«
Dann sprachen sie alle über den Verstorbenen, wie gut er gewesen, was für ein großer Verlust durch seinen Tod entstanden und dergleichen mehr. Bald drängte sich ein großer Kerl zur Thüre herein, der Kinnbacken wie aus Eisen hatte. Er stand, hörte und sah zu und sagte nichts, und es redete auch niemand mit ihm, denn der König sprach und alle hörten ihm zu. Der König sagte, indem er in seiner Rede fortfuhr:
– »Das waren die intimsten Freunde des Verstorbenen, darum sind sie für diesen Abend eingeladen; aber morgen, hoffen wir, werden alle kommen – wir erwarten jeden, denn er ehrte jeden und hatte jeden gern, und darum gehört sich's, daß seine Begräbnis-Orgien recht öffentlich stattfinden.«
Und so ging's fort, denn er hörte sich gern reden. Gelegentlich brachte er immer wieder die Begräbnis-Orgien mit hinein, bis es dem Herzog zu viel wurde und er auf ein Stück Papier schrieb: ›Obsequien du alter Esel,‹ es zusammenfaltete und es gu–gu–end dem König über die Köpfe der andern hinüberreichte. Der König las es, steckte es in die Tasche und sagte:
»Armer William, obwohl tief gebeugt, ist sein Herz doch stets auf dem rechten Fleck. Er wünschte, daß ich jeden bitte, zum Begräbnis zu kommen – sagt, ich solle alle willkommen heißen. Aber er hätte sich darum nicht zu kümmern brauchen, denn ich war ja gerade dabei.«