Ich hab' mich stets vor ihm gefürchtet, er hat mich immer so tapfer gegerbt, aber diesmal merkt' ich gleich, daß es anders war. Das heißt, zuerst schnappte ich nach Luft – es nahm mir den Atem, ihn so plötzlich zu sehen; aber dann raffte ich mich schnell zusammen und trat näher.
Er war beinahe fünfzig und sah auch so aus. Sein Haar war lang und verwirrt und fettig und hing ihm übers Gesicht, daß seine Augen wie hinter Buschwerk hervorstachen. Es war noch ganz schwarz und kein bischen grau, so war auch sein langer Schnauzbart. In seinem Gesicht, soweit man's sehen konnte, war keine Farbe, es war ganz weiß, aber nicht von einem gewöhnlichen Weiß, sondern so, daß es einem übel machte, wenn man's sah, daß es einem eine Gänsehaut über den Rücken jagte, so totenähnlich, so fischbauchartig war es. Seine Kleider – waren Lumpen, weiter nichts. Er hatte den rechten Fuß aufs linke Knie gelegt und der Stiefel sperrte das Maul so weit auf, daß zwei oder drei Zehen heraus sahen, an denen er herum fingerte. Sein Hut, ein alter zerrissener Filzdeckel, lag auf dem Boden.
Ich starrte ihn an. Er hatte den Stuhl etwas hinten übergekippt und starrte mich wieder an. Endlich stellte ich das Licht hin und sah, daß das Fenster offen war; der Alte war also übers Schuppendach eingestiegen. Der verflixte Schuppen! Der Alte folgte mir mit den Augen, ich spürt' es, endlich sagt er:
»Donnerwetter, feine Kleider – sehr fein! Du bild'st dir wohl was drauf ein, he? Denkst, du bist ein Herr geworden, he?«
»Vielleicht, – vielleicht auch nicht,« sag' ich.
»Wirst du mir wohl ordentlich antworten, he?« brüllt er, »du scheinst dir tüchtige Mücken in den Kopf gesetzt zu haben, seit wir uns nicht gesehen. Die treib' ich dir aus, das laß dir gesagt sein! Du gehst auch in die Schule, hab' ich mir sagen lassen, und kannst lesen und schreiben. Glaubst jetzt wohl, daß du besser bist wie dein Vater, he, du Racker? Wart' ich will dir kommen! Wer hat dir erlaubt, da hin zu gehen, wer, frag' ich, wer hat dir's erlaubt?«
»Die Witwe! Sie hat's erlaubt.«
»Die Witwe, he? Und wer hat's der Witwe erlaubt, daß die ihre Nase in Dinge steckt, die sie absolut nichts angehen, wer, he?«