»Na, dafür giebt's genug berühmte Vorbilder. Genug haben's schon gethan. Wenn sie die Kette nicht anders loskriegen konnten, hackten sie sich einfach die Hand oder den Fuß ab und waren frei. Ein Bein ab wäre noch besser! Das können wir aber am Ende sein lassen; es ist, wie gesagt, nicht gerade notwendig, und Jim ist überdies so ein dickköpfiger Nigger, der's nie begreifen würde, warum es sein sollte und daß es die Mode in Europa ist, es so zu machen, na also – wir lassen's bleiben! (Schwerer Seufzer.) Eins aber kann und muß er haben und das ist eine Strickleiter. Wir zerreißen unsere Betttücher und machen ihm eine, es ist kinderleicht. Die schicken wir ihm dann in einem Laib Brot; so wird's beinahe immer gemacht.«

»Na, aber Tom Sawyer,« warf ich ein, »wie du wieder schwatzest. Wozu soll denn Jim eine Strickleiter brauchen? Der weiß ja gar nicht, was er damit anfangen soll!«

»Er braucht eine, Huck Finn, sag' ich dir. Du sprichst gerade wie der Blinde von der Farbe. Weißt und verstehst nichts davon. Er muß einfach eine Strickleiter haben, ob er sie braucht oder nicht, er muß, denn alle haben eine!«

»Was in der Welt soll er aber damit thun?«

»Damit thun? Er versteckt sie in seinem Bett. Kann er das nicht? Das geschieht meistens und er muß es auch. Huck, du willst eben nie etwas der Ordnung und Regel nach thun, da hast du kein Verständniß dafür, immer willst du's anders machen als die andern. Und selbst wenn er auch nichts mit der Strickleiter anfängt, – dann findet man sie doch nachher in seinem Bett als ein wichtiges ›Indicinium‹, oder wie sie's heißen. Nein, Huck, du weißt und verstehst gar nichts. Glaubst du denn, man brauche keine ›Indiciniums‹, wenn einer durchgegangen ist? Natürlich muß man die haben! Du natürlich denkst nichts und sorgst für nichts! Du würdest's nett machen, wenn du's zu thun hättest, das muß ich sagen – alle Achtung!«

»Na,« sag' ich, »braucht er's, so braucht er's und soll's haben, ich will nicht gegen die Regel sündigen, – Gott bewahre! Aber eins weiß ich: wenn wir nun unsre Betttücher nehmen und zerreißen, um dem alten Kerl eine Strickleiter zu machen, dann kriegen wir's mit Tante Sally zu thun, die steigt mit dem Strick ohne Leiter hinter uns, soviel ist gewiß. Na, mir soll's recht sein, mein Buckel ist nicht verwöhnt, der kennt die Kost. Sag' mal, Tom, thät's nicht auch 'ne Leiter von Bast geflochten? – der ist leichter zu beschaffen und thut dieselben Dienste. Dann brauchen wir nicht erst was zu zerreißen und in den Brotlaib läßt sich's auch stecken, und was Jim betrifft, so hat der keine Erfahrung in den Sachen, dem ist's einerlei, ob die Leiter von Bast oder von Bett–«

»Dummheiten und kein Ende! Wenn ich solch' ein Dickkopf wäre, Huck Finn, dann hielt ich mein Maul, das würd' ich thun, gewiß und wahrhaftig. Wer in der Welt hat je gehört, daß ein Staatsgefangener auf einer Bastleiter entwichen wäre. 's ist rein zum Totlachen!«

»Na gut, Tom, nur ruhig, mach's wie du Lust hast, ich rat' aber, wir nehmen lieber ein Tuch draußen von der Leine, anstatt aus unserem Bett!«