Im Brief stand:
»Hütet euch! Unheil naht! Seid auf der Wacht!
Ein unbekannter Freund.«
In der nächsten Nacht befestigten wir eine von Tom mit Blut verfertigte Zeichnung, die einen Totenschädel über gekreuzten Gebeinen vorstellte, an der Hauptthüre und in der darauffolgenden Nacht die eines Sarges an der Hinterthüre. – Nie sah ich eine Familie in solcher Aufregung. Sie hätten nicht mehr in Angst sein können, wenn das ganze Haus voller Geister gewesen wäre und hinter jedem Schrank, hinter jeder Thür ein Totengerippe geklappert und geisterhaftes Seufzen und Stöhnen beständig durch die Luft gezittert hätte. Wurde eine Thüre irgendwo zugeschlagen, so fuhr Tante Sally mit einem Wehruf in die Höhe, fiel etwas zu Boden, sprang sie wie von einer Feder geschnellt auf und schrie: ›Herrje‹! Kam man ihr zufällig nahe, ohne daß sie's merkte, geschah dasselbe. Nie konnte sie ruhig bleiben, immer fuhr der Kopf nach hinten, um zu sehen, ob da alles in Richtigkeit sei – so drehte sie sich beständig um sich selbst und stieß ihr ›Herrje‹ heraus, und ehe sie kaum halbwegs mit einer Drehung fertig war, so fuhr sie schon wie besessen nach der andern Seite herum. Sie fürchtete sich, zu Bett zu gehen, und hatte Angst aufzubleiben. Unser Schreckschuß hatte also seine Wirkung gethan, Tom meinte, er habe noch nie eine befriedigendere erzielt. Er sagte, man sähe daraus, wie richtig wir gehandelt.
»Jetzt zur letzten Bombe!« rief er. Die Zeit zum Haupt- und Schlußakt sei gekommen! Vor Anbruch des nächsten Tages hatten wir also einen zweiten Brief fertig und überlegten, was wir mit demselben beginnen sollten, denn wir hatten sie beim Abendessen sagen hören, daß diese Nacht ein Nigger die Thüren bewachen müsse. Tom ließ sich dann am Blitzableiter hinunter und spähte umher; und da er den Nigger an der Hinterthüre schlafend fand, steckte er ihm den Brief hinten in seinen Halskragen.
Der Brief lautete:
»Verratet mich nicht, ich möchte euer Freund sein! Eine mordgierige Räuberbande drüben aus den Indianergebieten plant diese Nacht, euren gefangenen Nigger zu befreien, und sie haben versucht euch einzuschrecken, damit sich niemand aus dem Hause wagt und ihnen so freie Hand bleibt. Ich selbst gehöre der Bande an, mein edler Sinn aber erlaubt mir nicht, dieser Schandthat beizuwohnen, ohne wenigstens den Versuch einer Warnung zu wagen. Mein heißester Wunsch ist, die Räuber und Mörder zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. So verrat' ich denn den höllischen Plan! Sie werden von Norden her einbrechen und mit einem falschen Schlüssel die Thür der Hütte öffnen, um den Nigger zu befreien. Ich selbst bin als Wache ausgestellt und soll auf einem Horn blasen, sobald Gefahr im Anzuge ist. Anstatt dessen werde ich wie ein Schaf blöken, sobald sie in die Hütte eindringen. Dann – während sie die Ketten lösen – könnt ihr die Thüre schließen und sie nach Belieben töten. Thut genau, wie ich euch sage, sonst riechen sie Lunte und alles ist Essig! Belohnung verlange ich keine; das Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben, genügt mir.
Ein unbekannter Freund.«