[4] An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem Logbuch nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.« Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen Matrosen sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe hinten beim Steuer eine Million Dollars in Gold versteckt; sie waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere zu ermorden und sich des Geldes zu bemächtigen.
M. T.
12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin – gerade auf die Inseln los. Gute Hoffnung – aber die Aussicht auf die nächsten Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. Der Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt.
13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen sind jetzt alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, nachdem wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben.
14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; aber wir sind entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich knapp. Gott gebe, daß wir bald Land sehen. Nichts zu essen – fühle mich aber besser als gestern. Sahen gegen Abend einen prachtvollen Regenbogen – den ersten seit Antritt unserer Reise. Der Kapitän sagte: »Lustig, Jungen! Das ist ein Wahrzeichen – es ist der Bogen der Verheißung!«
15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche Gnade: Land in Sicht! Wir kamen schnell näher und waren bald der Thatsache gewiß! … Zwei prächtige Kanaken kamen zu uns herausgeschwommen und brachten das Boot an Land. Wir wurden voller Freuden von zwei Weißen aufgenommen: Mr. Jones und seinem Hausdiener Charley; dazu kam ein ganzer Schwarm von Eingeborenen, Männer, Weiber und Kinder. Sie nahmen uns prächtig auf – halfen uns, trugen uns das Ufer hinauf und brachten uns Wasser, Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber die Weißen paßten auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren über die Maßen froh uns zu sehen und drückten mit Mienen, Gebärden und Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach dem Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen hier. Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden von uns einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann eine Tasse heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben alle erdenkliche Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch eine Tasse Thee und wieder etwas Brot. Dann ließen sie uns allein, damit wir schlafen sollten … Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens! … Gott in Seiner Gnade hat unser Gebet erhört … Alle Menschen sind so freundlich. Finde keine Worte dafür.
16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und wir hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten wir nicht – dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem Boot befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor.
Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt nichts Aehnliches, was es im Möglichmachen von Unmöglichkeiten übertrifft. In einer außerordentlichen Einzelheit – daß nämlich alle Insassen des Bootes am Leben bleiben – steht es wahrscheinlich unter den Abenteuern dieser Art einzig da. Gewöhnlich hält nur ein Teil der Bootsbesatzung es aus – hauptsächlich Offiziere und andere gebildete Leute, die an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht gewöhnt sind; die derben Faustarbeiter unterliegen. Aber in diesem Fall überstanden auch die rauhen und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie die beiden jungen Studenten und der Kapitän. Das heißt: körperlich! Geistig brachen die meisten Matrosen in der vierten Woche zusammen. Immerhin war die von ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer erstaunlich. Natürlich war das nicht das Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns zuzuschreiben. Ohne ihn wären sie gewesen wie Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen einer Woche ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht einmal so lange ausgehalten wie die Lebensmittel.
Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! Als es der Küste nahe kam, wurde das Segel heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän, daß sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und es wurde ein Versuch gemacht, das Segel wieder hochzuziehen. Aber es ging nicht; die Kräfte waren völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal mehr ein Ruder halten. Sie waren hilflos und dem Tode verfallen. In diesem Augenblick wurden sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, kaum bemerkbare Lücke im Riff lotsten – die einzige Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen!
Binnen zehn Tagen nach der Landung waren alle bis auf einen wieder auf den Beinen und konnten herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der ›Nahrung‹ der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens einige von ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen von alten Stiefeln und mit Spähnen von der Buttertonne beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte Weise wieder los! Der Kapitän und die beiden Passagiere hatten kein Leder und keine Spähne gegessen, wie die Matrosen, sondern sie schabten die Stiefel und das Butterholz und machten mit Wasser einen Brei davon. Der Dritte Steuermann erzählte mir, die Stiefel wären alt und voll von Löchern gewesen; und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von Verdauung sprach, so will ich einen bemerkenswerten Umstand anführen: während dieser seltsamen Reise und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, setzten bei einigen von den Leuten die Gedärme völlig ihre Arbeit aus, und zwar zwanzig bis dreißig Tage, in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang! Auch der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den Leuten nichts. Viele Tage lang – ich glaube, einundzwanzig hintereinander – schlief der Kapitän überhaupt nicht.