7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute haben wir die volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln nicht vorhanden sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht mehr nach ihnen auszuschauen; wir werden von heute abend an ein bißchen mehr nördlich halten auf die Sandwichinseln zu. Die Passatwinde sind uns günstig. Sollten wir weiter westlich sein, als es nach unserem Chronometer der Fall ist, so wäre dies natürlich zu unserem Vorteil; ich kann mir eigentlich nicht denken, daß der Zeitmesser richtig geht, denn was für Stöße hat bei dem Seegang, den wir hatten, das zartgebaute Instrument aushalten müssen!

8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich gequält und ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde ich mich ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen. Gestern brachte der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder in Ordnung und Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf und brachte glücklich die Taue an ihren Platz, so daß das Segel jetzt schnell und bequem zu handhaben ist. Bei dem Seegang, den wir haben, ist es überhaupt nicht leicht bis zur Mastspitze hinaufzuklettern, nun nehme man dazu, wie schwach mein Bruder jetzt ist! Wir konnten Harry nur durch einen Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben wir gute Fahrt gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges Essen bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse ›Suppe mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen aufgespart. Henry hält sich immer noch großartig; er ist der allgemeine Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe!

Aus des Kapitäns Logbuch:

Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung.

Samuels Tagebuch:

9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann ich wohl sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. Wir haben bloß noch das untere Ende von einem Schinkenknochen, woran noch ein bißchen von der äußeren Rinde und Haut ist. Der Wasservorrat indessen reicht, wie ich glaube, bei der jetzigen Einteilung noch für zehn Tage. Damit und mit der Nahrung, die unsere Stiefelschäfte und andere kaubare Gegenstände uns liefern werden, hoffen wir es noch auszuhalten, bis wir die Sandwichinseln erreichen oder bis ein Schiff uns aufnimmt. Ich setze meine Hoffnung auf den letzteren Fall, denn nach menschlicher Berechnung werde ich den anderen nicht erleben. Doch wir sind bisher in so wunderbarer Weise beschirmt worden und Gott wird uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die Leute werden schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich.

Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; und heute ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis jetzt den Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. Sogar Henry, der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann ab und zu die Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich dagegen vermag das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an meinem kranken Hals.

Jetzt ist also nichts mehr übrig, was man mit dem besten Willen ›Nahrung‹ nennen kann. Und doch müssen sie sich noch über 5 Tage hinweghelfen, denn von der Mittagsstunde an haben sie noch 800 Meilen vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen auf Leben und Tod. Ich gebe von jetzt an ohne unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders Tagebuch. Henry Ferguson schreibt:

Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute einen Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen noch den Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals auf der Welt so einen köstlichen Knabberknochen, der so mit Wonne genossen wurde. Es kommt mir vor als ob ich mich nicht schlechter befinde als am vorigen Sonntag, trotz der Einschränkung im Essen; ich glaube bestimmt, daß wir alle die Kraft haben, die Leiden und Strapazen der nächsten Woche noch auszuhalten. Unserer Schätzung nach sind wir keine 700 Meilen mehr von den Sandwichinseln und da unsere Tagesleistung durchschnittlich etwa 100 Meilen beträgt, so sind unsere Hoffnungen nicht unvernünftig. Gebe der Himmel, daß wir alle Land sehen!

11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an unserem Schinkenbein saß und haben für morgen noch die Speckschwarte. Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse uns nicht Hungers sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit getrieben werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. So wie ich mich jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts mich dazu bringen könnte; aber man kann nicht sagen, was man thun wird, wenn man halbtot vor Hunger und seines Verstandes nicht mehr mächtig ist. Ich hoffe und bete, wir mögen die Inseln erreichen, ehe wir in solche Not kommen; aber wir haben einen oder zwei verzweifelte Gesellen an Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz ruhig verhalten. Es ist mein fester Glaube und meine innige Zuversicht, daß wir werden gerettet werden.[4]