Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn George W. Cable eine Rundreise, um Vorträge zu halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein Empfang veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags in einem langen Salon im Windsorhotel. Herr Cable und ich standen am einen Ende des Raumes, die Damen und Herren traten am anderen Ende ein, gingen die lange Wand linker Hand entlang, schüttelten uns die Hand, sagten ein oder zwei Worte und gingen weiter – die übliche Geschichte. Mein Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich in dem Gedränge von Fremden, die sich weit da hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes Gesicht. Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll Freude bei mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz vergessen, daß sie eine Kanadierin ist.« Sie war in meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada, sehr befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren hatte ich nichts mehr von ihr gesehen oder gehört. Es war kein Anlaß vorhanden, sie mir in die Erinnerung zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war mir völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Aber ich erkannte sie augenblicklich; ich sah sie so klar und deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem Anzug bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und behielt sie im Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich darauf, daß sie näher herankäme. Mitten unter all dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden Reihe immer näher kam; als sie an der linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht von vorne sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß von mir entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend, sie müsse doch irgendwo im Salon sein und würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in dieser Erwartung hatte ich mich getäuscht.
Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat, sagte jemand zu mir: »Bitte, kommen Sie mit nach dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie kennt und Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen; Sie sollen wenn möglich die betreffende Person selber erkennen.«
Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die Sache wird sehr einfach sein.«
Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten unter ihnen, ganz wie ich’s erwartet hatte, Frau R. Sie war genauso angezogen, wie ich sie am Nachmittag gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr die Hand, begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte:
»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben Augenblick als Sie den Saal betraten.«
Sie sah mich überrascht an und antwortete: »Aber ich war ja gar nicht beim Empfang. Ich komme gerade eben von Quebec an und bin noch keine Stunde hier in der Stadt gewesen.«
Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein. Ich sagte:
»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es genau so ist, wie ich sage. Ich sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick sagte, ich würde einen Bekannten in diesem Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir auf, in Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie beim Empfang gesehen hatte.«
Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim Empfang noch irgendwo in der Nähe; trotzdem sah ich sie dort, klar und deutlich und unverkennbar. Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man so etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem Augenblick an sie; ich hatte seit Jahren nicht an sie gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie an mich gedacht. Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit durch die Lüfte zu mir und brachten mit sich das deutliche, hübsche Bild der Dame? Ich glaube es.
Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in Bezug auf Erscheinungen – ich meine Erscheinungen, die man in hellwachem Zustande sieht. Ich hätte vielleicht für einen Augenblick eingeschlafen sein können; dann wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber diese Möglichkeit kommt hier gar nicht in Frage; das Interessante dabei ist, daß es gerade in dem betreffenden Augenblick passierte – nicht früher und nicht später; dies ist ein Beweis dafür, daß der Ursprung in Gedankenübertragung zu suchen ist.