»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb elf in der Nacht draußen zu tun gehabt?«

»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief verloren hatte, da …«

»Du gehst mir wie die Katze um den heißen Brei herum. Nun antworte mir kurz und bündig auf meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?«

»Sie …, nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.«

Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln auf meine Lippen, aber es erstarrte zu Eis. Das Klima war nicht danach. Ein drei- oder vierstündiger Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir eigentlich auch nicht.

Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und breit auseinandersetzen, und natürlich stellte sich’s heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen konnten, weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen hätte. Es sah so aus, als ob wir in Aerger und Hader zu Bett gehen würden, aber dazu kam es zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich hätte diese Angelegenheit besorgt.

»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam und eifrig und intelligent gewesen, wie’s in deinen Kräften steht, und es ist nicht recht, so viel an dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort mehr darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich schön, bewunderungswürdig benommen, und es tut mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches Wort sagte.«

Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle Scheltworte, und mir wurde unbehaglich dabei zu Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher fühlte, daß ich das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung zu sein, obgleich ich nicht genau wußte, was es eigentlich war; aber ich verspürte keine Neigung, gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, denn es war schon spät, und ich dachte bei mir selber: O rühret, rühret nicht daran!

Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s herausstellte, daß wir nicht mit dem Frühzug reisen konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu warten; ich genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte mich dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief wiederzubekommen.

Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um die Kofferangelegenheit zu bekümmern und sie ins rechte Geleise zu bringen, falls da etwas schief gegangen wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, das könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der Hausknecht sagte, er habe die Koffer am Abend vorher nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn, wie er das hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen.