»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt für die Koffer und schickt sie, wohin es einem gefällt. Frei geht bloß das Handgepäck.«
»Wieviel bezahlten Sie dafür?«
»140 Francs.«
»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt irgend was nicht in Ordnung.«
Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte:
»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? Sie sehen abgespannt aus. Wenn Sie vielleicht gern einen Reisemarschall hätten – ein guter ist gestern abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er heißt Lüdy. Wir empfehlen ihn, das heißt: das Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.«
Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht gebrochen. Und es gefiel mir nicht, daß man mit mir in solcher Art und Weise von meinem Reisemarschallsamt sprach.
Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in der Hoffnung, der Bürgermeister möchte viel früher als zu seiner Dienststunde aufs Bureau kommen. Das tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal wenn ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder nicht tun wollte, sagte der Polizist es wäre ›défendu‹. Ich dachte, ich könnte mich bei ihm ein bißchen im Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu machen, wenn er seine Muttersprache hörte.
Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging alles glatt, denn er hatte die Minute vorher den Höchsten Gerichtshof zusammenberufen – das tun sie immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles Eigentum handelt. Alles ging nach guter Ordnung vor sich, Schildwachen wurden ausgestellt, und der Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief wurde hereingebracht und geöffnet – und es war nichts weiter darin als ein paar Photographien. Ich hatte nämlich, wie mir nun einfiel, den Kreditbrief herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu können, und hatte den Brief in einer anderen Tasche verwahrt, wie ich zu allgemeiner Zufriedenheit nachwies, indem ich ihn herausnahm und mit nicht geringem freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren vom Gerichtshof sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden Ausdruck erst einander und dann mich an. Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch fragten sie mich, welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Sie hoben in einer Art von staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und sagten auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach einige höfliche Worte des Dankes für ihre augenscheinliche Bewunderung und rannte spornstreichs nach der Bank.
Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so fühlte ich mich auch bereits als großen Herold der Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding zu seiner Zeit! Jedes Ding an seinem Ort!