»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie hätten sich besser erkundigen sollen. Sie haben hier dreiviertel Stunden lang geschlafen – und in was für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten – braun gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht Ihren Zug verpassen. Sie interessieren mich sehr. Was ist Ihr Beruf?«

Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn zu wundern, und bevor er sich davon erholt hatte, waren wir fort.

Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen, was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen. Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig ausgedachten Anordnungen.

Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. Jetzt war es zehn Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten ›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und wir stürmten hinaus.

Aber nein – wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich dieselben gekauft hätte?

»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also:

»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese Eisenbahnfahrkarten …«

»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.«

»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«

»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.«