»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«

»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition …«

Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in Wirklichkeit nicht getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh oder sonstwas einen umrennt.

Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft – ich vergaß sie nämlich – und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein, mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme – falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war, veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder Güterzug und machten uns auf die Reise.

Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter, ich möchte mal hinaufkommen.

»Ja gewiß,« sagte ich.

Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit p. p. c. zu hinterlassen – während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich mich da, wo ich war, sehr wohl befand.

Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.

So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von einem Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? – nichts weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach Jerusalem hätte bringen können – und daß ich damit nicht einmal meine kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe, so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein wirbliger Kopf.